Die Wiederentdeckung der Familie

Zuerst publiziert in: Lampenfieber, Staatstheater Cottbus, Nr. 29, 2011, S. 2.

Es ist gar nicht lange her, da wurde in den Sozialwissenschaften über den Abgang der Familie schwadroniert. Die Familie, so hieß es, sei ein Auslaufmodell. Immer weniger Menschen würden den Bund der Ehe eingehen, ein Leben lang zusammen leben und Kinder zeugen wollen. Außerdem steige die Zahl der Scheidungen kontinuierlich. Dass diese Feststellungen keineswegs falsch sind, zeigt bereits ein oberflächlicher Blick in die Statistiken. Dennoch kann daraus nicht geschlussfolgert werden, dass die Familie aufhöre zu existieren. Das Gegenteil ist eher der Fall: Familien vervielfältigen sich. Durch Scheidungen und das anschließende Neugründen von Partnerschaften entstehen neuartige familiäre Formen, so genannte Patchwork-Familien. Außerdem ist Familie mehr als der Alltagsverstand gemeinhin wahrhaben will, nämlich ein besonderes System. Dass dies so ist, können wir insbesondere dann sehen, wenn wir den gesellschaftlichen Rahmen betrachten, in dem sich Familie heutzutage vollzieht.

Hochgradig differenzierte Gesellschaft

Wie die moderne Soziologie uns lehrt, leben wir in einer hochgradig differenzierten Gesellschaft – das bedeutet, dass sich unsere heutige Gesellschaft aus verschiedenartigen Systemen, etwa der Wirtschaft, der Politik, dem Rechtssystem, der Wissenschaft, dem Bildungssystem, dem Gesundheitssystem etc., zusammensetzt. Diese Systeme funktionieren jeweils nach eigenen Gesetzen und Prinzipien, steuern sich selbst und können von keiner Zentrale aus geregelt werden. Diesen Verlust der zentralen Regelung konnten wir beispielsweise beim Kollaps des internationalen Finanzsystems beobachten. Menschen nehmen an diesen so genannten Funktionssystemen nur ausschnitthaft, nur rollenweise teil, als Arbeitskraft oder Konsument (Wirtschaft), als Staatsbürger (Politik und Rechtssystem), als Erkenntnisgegenstand (Wissenschaft), als lebenslang zu Bildende (Bildungssystem) oder als Patienten (Gesundheitssystem). So werden wir als ganze Menschen aufgespalten, sind keine Individuen mehr, sondern Dividuen und müssen zusehen, wie wir das zusammenhalten, was durch die wechselnden Erwartungen der Funktionssysteme zu zerspringen droht: uns selbst!

Familie als besonderes System

Die Familie wird zwar auch als System verstanden, aber als ein ganz besonderes, und zwar als eines, an das die Menschen ihre Ansprüche nach ganzheitlicher Beachtung adressieren. Dieser Anspruch beginnt bereits in der modernen Paarbeziehung, die auf Liebe gründet, also auf das gegenseitige und bedingungslose Annehmen des jeweils Anderen. Das, was sonst nirgendwo sonst in der Gesellschaft ermöglicht wird, ganzheitliche menschliche Anerkennung, hält die Familie als System zusammen, stärkt sie, aber schwächt sie zugleich und schafft permanente Zerreißproben, und zwar aus zweierlei Gründen: zum einen, weil die gesellschaftliche Umwelt, die hochgradig differenzierte Gesellschaft, familienfeindlich ist. Während die Familie zeitliche und örtliche Kontinuität benötigt, erwarten die gesellschaftlichen Systeme das Gegenteil davon: Flexibilität und Mobilität. Zum anderen steigen freilich die Erwartungen an familiäre Beziehungen, wenn dieses System etwas bieten kann, das Menschen nur in der Familie und sonst nirgends in der Gesellschaft bekommen können: die volle Anerkennung als bio-psycho-soziale Wesen.

Die Regeln der Familie

Diese bio-psycho-soziale Ganzheit familiärer Beziehungen führt schließlich zu Phänomenen, die Familientherapeuten, aber auch Psychologen und Soziologen zunehmend beschäftigen: dass in Familien ganz bestimmte Beziehungsregeln zu gelten scheinen, die möglicherweise bereits in der Stammesgesellschaft, also zur Urzeit des Menschen entstanden sind. So duldet die Familie als System beispielsweise keinen Ausschluss von Mitgliedern, ohne dass bei anderen Familienmitgliedern (häufig erst in späteren Generationen) Symptome entstehen. Manche vermuten gar, auch soziale Systeme, etwa Familien, haben eine Art Gewissen, eine „Sippenmoral“, die darüber wacht, dass alle einbezogen und geachtet werden, die zum System dazugehören.

Die Familie, so kann schließlich zusammengefasst werden, ist ein sehr beständiges System, das sich immer wieder von Neuem gründet und vollzieht. Gerade in einer anonymen Gesellschaft, die die Menschen zu ewigen Wanderern zwischen unterschiedlichen Systemen macht, sind Familienbeziehungen vielleicht die letzten Oasen, die uns mit dem verbinden, was uns als Menschen, als bio-psycho-soziale Wesen ausmacht: die Angewiesenheit auf eine primäre Gruppe, zu welcher wir ganz dazu gehören.

Autor: Heiko Kleve

Heiko Kleve

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