Von den Klischees zur Reflexion: Was ist Soziale Arbeit?

Dieser Beitrag wurde zuerst publiziert in: SMILE. Zeitschrift der Fachhochschule Potsdam, Dezember 2015, S. 36 f. Er ist als Antwort auf an der Hochschule geäußerte Klischees bezüglich der Sozialen Arbeit zu verstehen.

KLISCHEEKISTE  WAS MACHEN EIGENTLICH „SOZIALE WESEN“?

Hier die Klischees: Macht schwanger • Sind sozial • Sehen sich immer in der Opferrolle • Brotlose Kunst • Am-Arm-Kuschlerinnen • Alles heidschibumbeitschi • Alle haben sich lieb Sind zu nett • Sind viele • Sozialpädagogensprech • Kriegen am laufenden Band Drittmittel • Streiten sich wie die Kesselflickerinnen

Was machen eigentlich die anderen? Das wollten wir beim Hochschultag im April von  den Teilnehmenden wissen. In einer anonymen Umfrage konnte jeder ungehemmt seine gemeinsten Vorurteile in eine Kiste werfen. An dieser Stelle  bekommen alle „in  der Kiste“ nun die Gelegenheit, damit aufzuräumen.

Dieses Mal kommt Prof. Dr. Heiko Kleve aus dem Fachbereich Sozialwesen zu Wort.

In den Sozial- und Bildungswissenschaften wissen wir von der prägenden Kraft der Fremdwahrnehmung. Denn nichts anderes sind die Klischees, die hier hinsichtlich des Sozialwesens präsentiert werden. Diese formen gemeinsam mit der Selbstwahrnehmung Identitäten. Besonders erkenntnisreich ist vor allem, wenn wir unsere Selbstwahrnehmung mit den Fremdwahrnehmungen, mit den Zuschreibungen und Zurechnungen der anderen konfrontieren, wenn wir erfahren können, wie wir von anderen gesehen und bewertet werden. Und mit diesem Eingangsstatement habe ich wohl bereits das bestätigt, was in der Fremdzuschreibung als „Sozialpädagogensprech“ bewertet wird.

Während das Klischee, eine bestimmte sozialpädagogische Sprache zu benutzen, einen speziellen verbalen Stil zu pflegen, in unseren eigenen Kreisen ebenfalls wahrgenommen und ironisch schmunzelnd immer wieder auch dekonstruiert wird, sind andere Fremdzuschreibungen beeindruckender. Denn bei der Betrachtung der Klischees tauchen eben auch Überraschungen auf, über die wir bestenfalls ins Staunen geraten und uns fragen, wer bei uns in welcher Weise was getan hat, so dass das jeweilige Klischee entstanden ist. So fragen wir uns beispielsweise, was die Zuschreibung „macht schwanger“ hier bedeuten könnte, ohne dass wir darauf eine Antwort gefunden hätten. Sagt diese Aussage möglicherweise mehr über die Person aus, von der sie gekommen ist? Denn bekanntlich offenbart das, was Ilse über Ilona sagt, mehr über Ilse als über Ilona. Mit anderen Worten, Klischees referieren auf jene zurück, welche die Klischees formulieren, sie sind, nochmals anderes gesagt, selbstreferentiell, rückbezüglich.

Mehr anfangen können wir freilich mit den Zuschreibungen „sind sozial“, „am Arm-KuschlerInnen“, „alles Heidschibumbeitschi“, „alle haben sich lieb“ und „sind zu nett“. Derartige Bewertungen begegnen uns oft. Sie verdeutlichen, dass das Attribut „sozial“ immer noch und fast ausnahmslos mit solchen Bedeutungen aufgeladen wird. Allerdings meint „sozial“ viel mehr als das. Es ist – soziologisch betrachtet – alles, was sich jenseits des Biologischen und Psychischen zwischen Menschen ereignet, es ist das Kommunikative, das, was spontan und eigendynamisch entsteht, wenn mindestens zwei Menschen zusammen kommen. Paul Watzlawick hat dies prägnant auf den Punkt gebracht mit seinem zentralen kommunikationstheoretischen Axiom: Wir können nicht nicht kommunizieren – daher können wir auch nicht nicht sozial sein, das sind wir per se. Menschen sind nicht in der Lage dazu, sich in die Köpfe zu schauen, sie können eben keine Gedanken austauschen. Daher entsteht, sobald Menschen aufeinander treffen, Kommunikation, eine gegenseitige Bezogenheit, die nicht vom „Sender“, sondern vom „Empfänger“ bestimmt und – wieder selbstreferentiell – gedeutet wird.

„Sozial“ ist also nicht zu reduzieren auf „das Gute“ oder „das Nette“, sondern umfasst freilich ebenfalls Konflikte und Auseinandersetzungen, die offenbar auch bei uns beobachtet werden, da wir uns aus Sicht der anderen „streiten […] wie KesselflickerInnen“. Die Tatsache, dass wir in unserem Leben, genauer: in der Gesellschaft, in Organisationen, in unseren Familien, unter Freunden, in jeder Interaktion Soziales reproduzieren, eben kommunizieren (ob wir das wollen oder nicht), sind die Sozialprofessionellen potentiell überall beruflich tätig, wo sich Soziales vollzieht. Somit sind wir: „viele“, um auf ein weiteres Klischee zu verweisen. Unsere Fachqualifikationen, soziale Prozesse zu beobachten und zu erklären, Menschen dabei zu unterstützen, dass sie ihre sozialen Beziehungen und gesellschaftlichen Teilhabemöglichkeiten konstruktiver und gelingender als bisher gestalten können, sind inzwischen überall in unserer Gesellschaft Schlüsselqualifikationen. Das macht unsere Attraktivität aus, führt dazu, dass wir in der Regel zwanzigmal so viele Bewerber_innen haben als Studienplätze. Deshalb sehen wir uns selbst nicht, zumindest nicht „immer in der Opferrolle“, wie uns dies zugeschrieben wird – im Gegenteil: Wir bekommen zwar nicht „am laufenden Band Drittmittel“, wie es offenbar den Anschein hat, aber möglicherweise hätten wir das Potential dazu. Wie gesagt, Soziales ist das, was überall stattfindet, was sich jedoch nicht immer so vollzieht, wie die handelnden Akteure dies erwarten und gerne wollen.  Genau dann kann unsere spezielle Kompetenz zum Zuge kommen.

Schließen möchte ich mit einem gängigen Sozialpädagogen-Witz, in dem die klischeehafte Fremdzuschreibung der anderen und die selbstbewusste Eigenwahrnehmung von Sozialprofessionellen zur Deckung kommen: „Steigt eine Sozialpädagogin ins Taxi. Fragt der Taxifahrer: ‚Wo möchten Sie denn hin?‘ Darauf die Sozialarbeiterin: ‚Egal – ich werde überall gebraucht!‘“

Autor: Heiko Kleve

Heiko Kleve

3 Kommentare zu „Von den Klischees zur Reflexion: Was ist Soziale Arbeit?“

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