Unterkomplexität – oder: Die Verwechslung der „großen“ mit der „kleinen“ Gesellschaft

Die aktuelle Debatte um die so genannte Integration von Menschen, die auf der Flucht sind, in europäische Länder migrieren, birgt die Gefahr, dass wir die Gesellschaft und die in ihr sich vollziehenden sozialen Prozesse in ungemessener Weise vereinfachen. In der aktuellen Debatte erleben wir eine Unterkomplexität, die für die Kommunikation der Massenmedien sicherlich nicht untypisch ist, die aber in politischen Diskursen gefährlich werden kann. Zumindest die Sozialwissenschaft sollte dagegen halten, um mit ihren Erkenntnissen aus Theoriebildung und empirischer Forschung zur Komplexitätsanreicherung der öffentlichen und politischen Meinungen beizutragen. Im Folgenden soll ein solcher (bescheidener) Versuch unternommen werden.

Die These ist, dass im öffentlichen Diskurs die grundsätzliche Zweiteilung unserer modernen Gesellschaft selten beachtet wird. Diese Zweiteilung besteht darin, dass wir nach Friedrich von Hayek die „kleine Gesellschaft“, die mit Ferdinand Tönnies auch „Gemeinschaft“ oder mit Jürgen Habermas „Lebenswelt“ genannt werden könnte, unterscheiden sollten von der „großen Gesellschaft“. Die „Großgesellschaft“ können wir mit der soziologischen Systemtheorie nach Niklas Luhmann beschreiben als eine differenzierte Ansammlung von sozialen Systemen, insbesondere Wirtschaft, Politik, Rechtssystem, Gesundheitssystem, Bildungssystem, Wissenschaft, Religion, Soziale Arbeit oder Massenmedien.

An diesen Systemen nehmen wir als Träger bestimmter Rollen teil, etwa als Arbeitskräfte oder Konsumenten (Wirtschaft), als Staatsbürger (Politik), als Anspruchsberechtige und Pflichtenträger (Rechtssystem). Die moderne Gesellschaft ist dadurch gekennzeichnet, dass die Einbeziehung, die Inklusion in diese Funktionssysteme personenunabhängig geschieht. Der moderne Lebenslauf ist angewiesen auf diese Inklusion, die bio-psycho-soziale Existenz hängt davon ab, dass potentiell allen Menschen diese gesellschaftliche Teilhabe ermöglicht wird – jenseits von höchstpersönlichen Merkmalen wie ethnischer oder familiärer Herkunft, Geschlecht, sexueller Präferenz oder vermeintlichen Charaktereigenschaften. Die „Großgesellschaft“ interessiert sich gerade nicht für persönliche Differenzen, sie operiert diesbezüglich blind. Genau dadurch ermöglicht sie Individualität, dass jede/r anders sein kann.

Im Gegensatz meint „Kleingesellschaft“ soziale Gemeinschaften, die auf höchstpersönliche Beziehungen beruhen, etwa auf familiäre Verwandtschaft, auf freundschaftliche oder nachbarschaftliche Sozialstrukturen. In die „Kleingesellschaft“ inkludieren wir nicht mit wenigen Rollenausschnitten unserer Persönlichkeit. Sondern hier werden wir potentiell als ganze Menschen integriert. In Familien und Freundschaften erwarten wir, dass unsere Unersetzbarkeit bestätigt wird, dass wir als ganz bestimmte Menschen gemeint sind. Anders in der „Großgesellschaft“, hier wird von unseren besonderen Merkmalen abgesehen. Hier werden wir daraufhin beobachtet, ob wir Kommunikationsmittel zur Verfügung haben, die unsere Inklusion sichern, etwa Geld hinsichtlich der Wirtschaft oder juristische Anspruchsberechtigungen bezüglich des Rechtssystems oder vorgängige Bildungsabschlüsse in Hinblick auf weiterführende Lehranstalten (etwa Hochschulen).

Die moderne Gesellschaft bietet also zwei unterschiedliche soziale Teilhabeprinzipen: die anonyme Inklusion in die Funktionssysteme der „großen Gesellschaft“ und die höchstpersönliche Integration in die „kleine Gesellschaft“. Wer diese Unterteilung nicht beachtet, könnte beispielsweise den Kategorienfehler begehen, von Geflüchteten Integration zu erwarten, obwohl es um Inklusion geht, also um die soziale Teilhabe bezüglich der Funktionssysteme, etwa um die Möglichkeiten, sich wirtschaftlich zu betätigen, zu arbeiten oder zu konsumieren, Träger von Rechten und Pflichten zu sein (Rechtssystem) oder Bildungsabschlüsse erwerben zu können. All das sind Inklusionsbeziehungen. Integriert sind die Menschen bereits, nämlich bezüglich ihrer kulturellen, ethnischen und familiären Zugehörigkeiten. Selbstverständlich können weitere Integrationsbeziehungen angeregt werden, sich etablieren. Aber aus soziologischer Sicht erscheint es unterkomplex, Integration zu fordern, wo es um Inklusion geht, also beispielsweise darum, wirtschaftliche Selbstreproduktion oder rechtliche Normendurchsetzung zu realisieren.

Wer von einer Leitkultur schwadroniert vereinfacht die bereits existente lebensweltliche Pluralität, die diversen und vielfältigen Integrationsformen, die unterschiedlichste (Sub-) Kulturen und Lebensstile hervorgebracht haben. Für diese interessiert sich die „große Gesellschaft“ gerade nicht. Deren Trennung von der „kleinen Gesellschaft“ erlaubt es, dass hier jede/r nach ihrer/seiner Art und Weise glücklich werden kann.

In unseren jeweiligen lebensweltlichen Gemeinschaften können wir auf Homogenität achten und beispielsweise versuchen, uns nur mit kulturell oder ethnisch Gleichen zu umgeben. Genau dies ist in der „Großgesellschaft“ nicht möglich und auch nicht erstrebenswert. Diese lässt Heterogenität nicht nur zu, sondern ist hinsichtlich ihrer evolutionären Weiterentwicklung auf die innovative Kraft und den Zusammenprall des Unterschiedlichen angewiesen. Nicht Einheitlichkeit, Gleichheit, Homogenität sind Motor sozialer Entwicklungen, sondern Unterschiedlichkeit, Verschiedenheit, Heterogenität. So leben wir freilich in einer Zeit epochalen Wandels. Dass dieser Wandel seine konstruktiven Potentiale entfalten kann, hängt maßgeblich von unseren Wahrnehmungen und Kommunikationen, den damit einhergehenden Beschreibungen, Erklärungen und Bewertungen ab. Diese sollten nicht zu unterkomplex gebaut sein.

Autor: Heiko Kleve

Heiko Kleve

10 Kommentare zu „Unterkomplexität – oder: Die Verwechslung der „großen“ mit der „kleinen“ Gesellschaft“

  1. „Dass dieser Wandel seine konstruktiven Potentiale entfalten kann, hängt maßgeblich von unseren Wahrnehmungen und Kommunikationen, den damit einhergehenden Beschreibungen, Erklärungen und Bewertungen ab. Diese sollten nicht zu unterkomplex gebaut sein.“

    Was mich interessieren würde: gibt es ein Maß für Komplexität, das ausreichen könnte um diesem Anspruch gerecht zu werden?

    Gefällt mir

    1. Ein Maß wäre, dass Komplexität zur Alternativen-Vielfalt führt. Komplexität einzublenden bedeutet, dass die Möglichkeiten des Denkens und Handelns sich ausweiten. Wenn dies der Fall ist, dann kann zwischen den Alternativen reflexiv (etwa mit Hilfe des Tetralemma-Modells) abgewogen werden. Bevor Entscheidungen getroffen werden, bevor Handeln praktiziert wird, sollte eine Mehrzahl von solchen Alternativen wahrgenommen und reflektiert werden. Dann können häufig auch bisher ganz ungeahnte Handlungs-/Entschidungsmöglichkeiten gefunden und realisiert werden.

      Gefällt mir

  2. Das scheint mir naheliegend zu sein, wenngleich damit kein Maß für Komplexiät formuliert ist, sondern nur eine Bewährungshürde für Ansprüche an verantwortliches Handeln, was in der modernen Gesellschaft, spätestens mit dem Aufkommen der Vernunftkritik seit dem 18. Jahrhundert nichts wirklich Neues ist. Ansprüche an verantwortliches Handeln richteten sich seitdem an Logik, Moral (oder Humanität) und Rationalität. Von Kant über Weber bis Habermas sind diese Zusammenhänge in komplexen Alternativen verargumentiert worden und haben zu einer beachtlichen Komplexität an Rechtfertigungsstrategien geführt, nicht nur deshalb, weil diese Ansprüche miteinander kombinierbar sind, sondern auch deshalb, weil jeder Versuch, Ansprüche an die Rechtfertigung von Handlung an jedem Punkt ihrer Selbstreflexion auf die Kontingenz aufmerksam gemacht haben: Handle logisch, aber wenn Logik auf Logik reduziert wird, könnte man nicht Handeln, weil Logik keine Eindeutigkeit zulässt. Also werden die Grenzen der Logik durch Moral erweitert. Dann gilt: Handle moralisch, aber wenn Moral auf Moral reduziert wird, verarmt jede Welt, weil sie in Selbstgefälligkeit zerfällt. Also werden die Grenzen der Moral durch Rationalität erweitert. Dann gilt: Handle rational, aber wenn Rationalität auf Rationalität reduziert wird, ist alles zu rechtfertigen (was im Laufe des 20. Jahrhunderts auch geschehen ist.) Also könnte man nun die Grenzen der Rationalität durch Komplexität erweitern und alles andere, also Logik, Moral und Rationalität, auf Komplexität reduzieren, gefolgt von der reflexiven Umlenkung der Reduktion von Komplexität auf Komplexität. So wird dann auch die Kontingenz aller Ansprüche auf Komplexität erkennbar, nämlich: dass Reduktion von Komplexität eben doch geleistet werden muss.
    Was folgt daraus? Eigentlich nichts, das die etablierten gesellschaftlichen Strukturen an entscheidender Stelle anders als auf gewohnte und bekannte Weise in Erscheinung treten ließe. Das heißt: die soziale Struktur, dergemäß Handeln als verantwortliches Handeln markiert wird, exemplifiziert sich unter Berücksichtigung komplexitätstheoretischer Annahmen nur noch einmal, ohne dass damit irgendetwas anderes in Welt käme, das aus den bekannten Wirrungen hinaus führt. Denn wie komplex immer Handeln als komplexitätssteigernd gerechtfertigt wird, so gilt doch, dass mit jedem Vollzug von Entscheidung jede Komplexität, die ja keine Ressourcenknappheit vernichten kann, auf eine offene Zukunft reduziert wird.
    Deshalb meine Frage nach einem Maß für Komplexität. Ein solches ist nicht zu finden, sondern nur ein Anspruchsvorbehalt, der auch von denen nicht an jeder Stelle erfüllt werden muss, die ihn vortragen.
    Deshalb meine nächste Frage: welche Funktion haben diese Anspruchsvorbehalte (Logik, Moral, Rationalität und jetzt noch Komplexität) hinsichtlich der Rechtfertigungsfähigkeit von Handlung?

    Gefällt mir

  3. @ Heiko Kleve

    Sie warnen vor dem Hintergrund der Flüchtlingskrise davor die Beobachtung sozialer Prozesse auf unangemessene Weise zu vereinfachen. Da haben Sie sicherlich recht. Ich frage mich allerdings, wie man die Reduktion der systemtheoretischen Trias Interaktion, Organisation, Gesellschaft auf die Tönnies‘sche Unterscheidung von Gemeinschaft und Gesellschaft bezeichnen soll?

    Selbst wenn man von Organisationen absieht lässt sich die systemtheoretische Unterscheidung von Interaktion und Gesellschaft nicht auf den Tönnies’schen Kategorien von Gemeinschaft und Gesellschaft reduzieren. Gemeinschaften nach Tönnies sind mit Nichten allein durch Interaktion unter Anwesenden reproduzierte soziale Systeme. Bei Dörfern kann man das vielleicht noch so sehen. Bei Städten, die Tönnies ausdrücklich auch als Gemeinschaften beschrieben sehen möchte, trifft dies nicht mehr zu. Als Selbstbeschreibungsformel hat sich der Gemeinschaftstopos inzwischen ja auch auf Nationen ausgeweitet. Gemeinschaft lässt sich daher nur schwer auf Interaktionssysteme im Luhmannschen Sinne reduzieren. Gesellschaft vollzieht sich bei Luhmann auch durch Interaktion. Der von Ihnen aufgebaute Gegensatz von Interaktion und Gesellschaft gibt in der Systemtheorie so also nicht.

    Ebenso wenig kommt bei Luhmann der Gesellschaft (Großgesellschaft) eine Inklusionsfunktion und Interaktionen (Kleingesellschaft) eine Integrationsfunktion zu. Das ist eine recht schlichte Lesart Luhmanns. Integration ist bei Luhmann der Prozess des wechselseitigen Einschränkens von Handlungsmöglichkeiten. Dies geschieht durch viele einzelne Inklusions-/Exklusionsereignisse und mit der Beteiligung von mindesten zwei Systemen. Das gilt für Interaktion, Organisation und Gesellschaft. Das Verhältnis von Inklusion und Integration zueinander ist am ehesten mit dem von Prozess und Struktur vergleichbar. Beide Begriffe schließen sich nicht wechselseitig aus, sondern bedingen einander.

    Mit diesem Verständnis von Integration ist es soziologisch durchaus nicht unterkomplex Integration zu fordern. Speziell da man bei der öffentlichen Diskussion über die Flüchtlingskrise den Eindruck bekommen kann, dass sich ausschließlich bzw. einseitig die deutsche Bevölkerung einschränken soll. Der systemtheoretische Integrationsbegriff bietet hier die Möglichkeit gängige unterkomplexe Integrationsvorstellungen zu kritisieren.

    Möchte man eine annähernde Entsprechung von Gemeinschaft und Gesellschaft bei Luhmann finden, dann wäre wohl die Unterscheidung von stratifikatorisch bzw. hierarchisch differenzierter Gesellschaft und funktional bzw. heterarchisch differenzierter Gesellschaft angemessen. Zufälligerweise lese ich Tönnies gerade. Mit seiner Präferenz für Gemeinschaft liest sich „Gemeinschaft & Gesellschaft“ wie eine Apologie der feudalistischen Ständegesellschaft. In dieser Präferenz gefangen, rechtfertigt er diverse heute ziemlich fragwürdig gewordene Über-/Unterordnungsverhältnisse, angefangen bei Herr/Knecht. Das sollte man im Hinterkopf behalten, wenn man sich auf Tönnies‘ Gemeinschaftsbegriff bezieht.

    Über die Begriffspaare Gemeinschaft/Gesellschaft, Kleingesellschaft/Großgesellschaft, Integration/Inklusion und Homogenität/Heterogenität wird ein Gegensatz konstruiert und verstärkt, der mehr in Richtung Habermas‘ Gegensatz von System und Lebenswelt geht, sich aber so weder bei Tönnies noch bei Luhmann finden lässt. Dieser Gegensatz scheint selbst wiederum etwas unterkomplex zu sein, um die in Rede stehenden Prozesse angemessen zu beschreiben.

    Gefällt mir

    1. Die deutlichste Unterscheidung, die aus meiner Sicht die Differenzierung der beiden Begriffe „Integration“ und „Inklusion“ rechtfertigt, zeigt sich beim Unterschied von Familie und modernen Funktionssystemen. Selbst Luhmann sieht Familie als System einer Gesellschaft, die nicht mehr existiert (siehe dazu Luhmanns Text „Sozialsystem Familie“). Die Luhmannsche Systemtheorie greift letztlich zu kurz, weil sie alle Teilhabe-Möglichkeiten in der modernen Gesellschaft mit „Inklusion“ fassen will (siehe dazu Luhmanns zwei Bände „Gesellschaft der Gesellschaft“, insbesondere Band 2). Ein flüchtiger Blick auf das System Familie zeigt bereits, dass diese Begrifflichkeit hier nicht passend ist, dass wir es letztlich mit einem System zu tu haben, das auf die segmentäre Gesellschaft zurückgeht, das tribale Strukturen in der modernen Gesellschaft fortsetzt. Daher sollte dafür m.E. auch ein anderer Begriff für die systemische Teilnahme verwendet werden als für jene Systeme, die wir als Ergebnisse moderner Ausdifferenzierungsbewegungen fassen können. Übrigens, mir ist theoretische Reinheit nicht sehr wichtig. Ich halte es eher mit Deleuze/Guattari, die mit der Metapher des „Rhizoms“ schön zeigen, dass Theorien eher als Steinbrüche, als Assoziationsgeneratoren für neue Gedanken genutzt werden sollten. So verstehe ich meine Zeilen, die sich eben nicht nur systemtheoretisch lesen lassen, sondern eben inspiriert sind von Habermas, Tönnies oder Hayek. Siehe ausführlich zur Unterscheidung von „Integration“ und „Inklusion“ bereits meinen Text: „Die intime Grenze funktionaler Partizipation. Ein Revisionsvorschlag zum systemtheoretischen Inklusions-/Exklusions-Konzept“, in: Merten, Roland; Scherr, Albert (Hrsg.): Inklusion und Exklusion in der Sozialen Arbeit. Wiesbaden: VS-Verlag 2004, S. 163-187.

      Gefällt mir

      1. Mir ging es nicht um theoretische Reinheit. Vielmehr wollte ich darauf hinweisen, dass die verschiedenen Konzepte Interaktion (Luhmann), Gemeinschaft (Tönnies), Lebenswelt (Habermas) und kleine Gesellschaft (Hayek) nicht auf dieselben Phänomene abstellen. Die funktionale Äquivalenz von der Sie ausgehen, sehe ich, wenn überhaupt, nur sehr eingeschränkt.

        Ich verstehe, warum Sie zu einem anderen Begriff von Teilnahme kommen wollen. Ich würde allerdings einwenden, dass Kommunikationsteilnahme immer Kommunikationsteilnahme ist, egal ob sie unter der Bedingung segmentärer Differenzierung stattfindet oder unter der Bedingung funktionaler Differenzierung. Deswegen verwende ich Luhmanns Inklusionsbegriff ohne Abstriche. Der Unterschied ergibt sich nicht aus der Tatsache, dass teilgenommen wird, sondern wie teilgenommen wird. Die Form der Teilnahme ermöglicht und beschränkt weitere Teilnahmemöglichkeiten. Damit kommen die Selbstdarstellungsformen bzw. Imagepflegetechniken (Goffman) verschiedener Personen in den Blick, die man auch als Teilnahme- oder Beteiligungsformen begreifen kann. Was man sehen kann, wenn man von diesem Begriff der Inklusion bzw. Beteiligung ausgeht, habe ich hier in dem Abschnitt „Die Anschlussfähigkeit der Person als gesamtgesellschaftliches Problem“ ausgeführt. Ich lege darin den Fokus auf das Wechselspiel von Differenzierungsform und persönlicher Selbstbeschreibung und welche Form der Beteiligung dadurch ermöglicht wird.

        In der dort vorgestellten Form lässt sich der Teilnahmebegriff meiner Meinung nach auch auf Familien übertragen. Leider habe ich keine Vorstellung, welche Phänomene Sie im Blick haben, wenn Sie von tribalen Strukturen der Familie sprechen. Insofern sehe ich noch keine Notwendigkeit für einen anderen Teilnahmebegriff.

        Gefällt mir

        1. Familie bezieht Personen unspezifisch ein, wenn Sie so wollen: ganzheitlich, mit nahezu allen Persönlichkeitsanteilen. Sowohl das Medium „Liebe“ (als Ausgangspunkt der Paar- und Familienbildung) als auch die bio-psycho-soziale Notwendigkeit des besonderen Bezugs auf Neugeborene in Familien sowie schließlich die Reziprozität in Verwandtschaftsbeziehungen rechtfertigt es m.E., einen anderen Begriff als „Inklusion“ zu verwenden, eben „Integration“. Aber dazu habe ich ausführlich geschrieben, siehe dazu nochmals meinen Text von 2004 „Die intime Grenze funktionaler Partizipation“. Auch Fritz B. Simon kann dazu gelesen werden: „Die Grenzfunktion der Familie“. Und schließlich scheint mir die Frage, ob und wie Luhmann, Toennies, Hayek und Habermas kombinierbar sind, eine Frage der Rezeption, der Interpretation zu sein und versteht sich eben nicht von selbst, ist – m. a. W.: kontingent – kann eben so oder aber anderes beantwortet werden …

          Gefällt mir

          1. Was meinen Sie damit, wenn Sie schreiben, die Familie bezieht sich „ganzheitlich“ auf ihre Mitglieder? Dem Anspruch nach oder tatsächlich?

            Wenn Sie einen Blick in die Literaturliste des in meinen letzten Kommentar verlinkten Textes werfen, werden Sie feststellen, dass der Text familientherapeutisch nicht völlig uninformiert ist. In der zitierten Studie von Selvini Palazzoli et al ist das durchgängige Problem, dass die Kinder sich in Angelegenheiten der Eltern einmischen, die sie eigentlich nichts angehen. Die Studie zeigt, wenn man so will, die Schattenseiten des ganzheitlichen Bezugs auf.

            Im Umkehrschluss heißt das, dass auch in einer Familie nicht alle Personen mit fast allen Persönlichkeitsmerkmalen relevant werden. Gerade wenn der Bezug zu stark ist, kann es zu schwerwiegenden Verhaltensstörungen kommen, die man mit dem Luhmannschen Integrationsbegriff analysieren kann. Die Verhaltensauffälligkeiten gehen dann auf eine zu starke wechselseitige Einschränkung der Handlungsmöglichkeiten aller Familienmitglieder zurück.

            Im Hinblick auf das Verhältnis von Eltern zu ihrem Neugeborenen muss man auch feststellen, dass dieser ganzheitliche Bezug sehr einseitig seitens der Eltern erfolgt, aber nicht umgekehrt von Seiten des Neugeborenen auf die Eltern. Mithin ergibt sich der besondere Bezug auf Neugeborene, von dem Sie sprechen, erst aus der großen Asymmetrie in den Erlebens- und Handlungsmöglichkeiten zwischen Eltern und Kind.

            Der Verweis auf Ganzheitlichkeit erscheint mir daher wenig geeignet, um die Notwendigkeit eines anderen Teilnahmebegriffs zu begründen. Möglicherweise dreht sich unser Dissens aber auch nur darum, dass ich den Teilnahmebegriff als Bezeichnung für das Medium verwende, also die Gesamtheit aller Teilnahmemöglichkeiten unabhängig von jeglicher funktionalen Spezifizierung, und Sie für eine bestimmte Form der Teilnahme, die gerade durch die große Asymmetrie in den Erlebens- und Handlungsmöglichkeiten konditioniert ist. Diese Asymmetrie konstituiert den entscheidenden Unterschied, unter dem Kinder und speziell Kleinkinder für Kommunikation relevant werden.

            P.S.: Aber Herr Kleve, Sie sollten doch nur zu gut wissen, dass Ihre Interpretation nicht mehr oder weniger kontingent ist als meine. Was wollen Sie mir also mit diesem Hinweis auf die Kontingenz meiner Interpretation sagen?

            Gefällt mir

            1. Letztlich könnten wir unseren Disput funktional-analytisch sehen: Wir bauen beide unterschiedliche Probleme auf, die wir unterschiedlich lösen. Da wir aber von zum Teil identischen Begriffen ausgehen, vermischen wir die scheinbare Schärfe, die die Begriffe suggerieren, mit unseren unterschiedlichen Auffassungen von diesen. Oder einfacher gesagt, meine Unterscheidung ist auch geprägt von der empirischen Erfahrung, die Sozialarbeiter/innen artikulieren, wenn sie deutlich machen, dass sie in der Arbeit mit den „großen“ Funktionssystemen, bei der entsprechenden Inklusionshilfe (im Sinne von Baecker 1994) anders agieren müssen als bei der Arbeit mit „kleinen“ Systemen, etwa mit Familien, die ich eben als Integrationskontexte sehe. Letztlich agiert Soziale Arbeit diesbezüglich in dreierlei Weise, (1.) bezogen auf die „großen“ Funktionssysteme als Inklusionshilfe, stellvertretende Inklusion und Exklusionsverwaltung, (2.) bezogen auf die „kleinen“ Systeme (etwa Familien) als Integrationshilfe, etwa als Unterstützung familiärer Kommunikationsprozesse und (3.) hinsichtlich der Widersprüche zwischen der familiären Privatheit (Integration) und der funktionssystemischen Öffentlichkeit (Inklusion). Schließlich noch ein wichtiger Punkt: Klar geht es in Familien permanent um ein „Management“ des Ein- und des Ausschließens von Themen – gerade weil hier potentiell alles Persönliche relevant werden könnte. Selbst Kleinkinder sind mit allen Sinnen – körperlich, psychisch und sozial – „offen“ für die Eltern, für deren Kommunikationen. Inzwischen wissen wir aus der Hirnforschung, dass in den ersten drei Lebensjahren die elterlichen „Bindungskommunikationen“ das Hirn beschreiben. Soziale Interaktionen prägen Hirnstrukturen, die dann ein Leben lang das Muster bilden für Bindungen, die wir mit anderen Menschen eingehen (können). Und Sie behaupten hier eine Einseitigkeit – im Gegenteil: Eltern sind potentiell offen für alle Bedürfnisse ihrer Kleinkinder – und Kleinkinder sind mit allen Poren ihrer Körper, ihrer sich differenzierenden Psychen offen für die sozial angeschwemmten Kommunikationen der Eltern. Beide Seiten sind so „ganzheitlich“ aufeinander ausgerichtet, wie das im weiteren Leben wohl nur noch selten passieren wird – höchstens in der Hochphase von Verliebtheit zeigt sich Ähnliches …

              Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s