Die Wirtschaft der Sozialen Arbeit. Ein Dialog zwischen Markus Eckl und Heiko Kleve

Der Beitrag von Heiko Kleve Die Wirtschaft der Sozialen Arbeit (Soziale Arbeit, Heft 4/2015, S. 122-128) regt zum Widerspruch an. Denn Kleve stellt als sicher angesehene Grundprämissen des aktuellen sozialarbeiterischen Diskurses infrage. So entwickelt er ein positives Verständnis von Ökonomisierung, referiert zustimmend neoliberale Positionen und benutzt zudem die soziologische Systemtheorie als Stütze für seine Thesen. Markus Eckl hat bereits mit seinem Beitrag Soziale Arbeit und Wirtschaft (Soziale Arbeit, Heft 4/2016, S. 122-129) seinen Widerspruch formuliert. Im Folgenden wird dieser Widerspruch aufgegriffen und ein Dialog zwischen Kleve und Eckl zu den Fragen der Verbindung von Liberalismus und Systemtheorie sowie zur Bedeutung der Ökonomie für die Soziale Arbeit dokumentiert.

Markus Eckl: Die erste Kritik die ich an Ihrem Artikel habe, ist ihre Verknüpfung von Liberalismus und Systemtheorie. Nun lässt sich darüber wunderbar streiten und jeweils eine unterschiedliche Position einnehmen. Ich frage mich aber, ob diese Verknüpfung mit der Systemtheorie Luhmanns wirklich so unproblematisch ist?

Heiko Kleve: Mein Verständnis von Liberalismus bezieht sich auf drei Quellen: erstens auf Klassiker wie Adam Smith (1776), zweitens auf neuere Liberale wie Ludwig von Mises (1927) und Friedrich August von Hayek (1944; 1961; 1973; 1974) und drittens auf aktuelle Autoren wie Norbert Bolz (2002; 2009; 2010), Rainer Hank (2015) oder Armin Nassehi (2015). Grundthesen dieses liberalen Denkens sind sehr verwandt mit der Systemtheorie. Dies möchte ich an drei Punkten knapp ausführen: (1.) Wie die Systemtheorie geht die liberale Theorie von Komplexität aus, von einer Welt, die in ihrer Vielfalt von den Beobachtern nur reduziert erfasst werden kann. (2.) Daraus wird geschlussfolgert, dass das Wissen von der Welt nicht zentral erhoben werden kann, sondern dezentral in ganz unterschiedlicher Weise verteilt ist. Kein Mensch kann daher die Welt mit seinem Wissen und davon abgeleitetem Handeln aus den Angeln heben, zielgereichtet planen oder gar steuern. Eher schaffen es sich selbstorganisierende soziale Dynamiken (wie beispielsweise der Markt der Wirtschaft) Wissen zu generieren. (3.) Soziale Ordnungen entstehen eher spontan als geplant, hinter dem Rücken der Akteure überraschend und nicht prognostizierbar – was übrigens auch eine Grundthese der soziologischen Theorie jenseits bestimmter Theorieschulen ist.

Nehmen Sie das Beispiel einer sich von selbst ergebenden Sitzordnung in einem Seminarraum. Die Studierenden finden beim ersten Seminarbesuch eher zufällig als zielgerichtet ihre Plätze. Aber dieser Zufall wird – nicht mit Sicherheit, aber mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit – zur Regel, zur ungeplanten sozialen Ordnung. Mit jedem weiteren Mal des Betretens dieses Seminarraums verfestigt sich diese Ordnung. Allerdings ist dies, wie gesagt, nicht mit Sicherheit vorhersehbar. Dieses Muster kann lediglich mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit beobachtet werden. Es ist das, was von Hayek die „spontane Ordnung“ nennt, die wir nicht zielgerichtet „machen“ können, sondern entdecken, nicht planend erfinden, sondern vorfinden.

Dies nun sind drei einfache Grundannahmen des Liberalismus, die stark mit der Systemtheorie verwandt sind und sich auf die Wirtschaft, die Soziale Arbeit und andere soziale Dynamiken beziehen lassen. Nichts anderes unternehme ich in meinem Beitrag zur Wirtschaft der Sozialen Arbeit.

Eckl: Die Systemtheorie lehrt uns, nicht nur die Gemeinsamkeiten zu betonen, sondern vor allem die Differenzen in Augenschein zu nehmen. Auch wenn sie zwischen Liberalismus und Systemtheorie Gemeinsamkeiten skizzieren, so dürfen ihre Unterschiede nicht vernachlässigt werden. Und diese sind gravierend. Nun sind die mir bekannten liberalen Theorien meist Handlungstheorien, die von einem rationalen Akteur ausgehen. Ohne dies weiter ausführen zu wollen, ist hier wohl der größte Unterschied zur Systemtheorie gegeben. Denn Luhmanns Überlegungen stützen sich weder auf Handlungen noch auf rational agierende Akteure. Alle sozialen Prozesse beruhen auf Kommunikation als Operation und nicht auf Handlungen (Luhmann 1987; 1997). Dabei schließt er den Begriff des Menschen aus seiner Theorie aus und es wird ein Kommunikationsgeschehen betont, in dem Kommunikation selektiv aufeinander Bezug nimmt. Personen, wie auch Organisationen, können zwar für Kommunikation adressierbar sein, aber als rationale Akteure im Sinne liberaler Handlungstheorien treten sie nicht in Erscheinung (Fuchs 1999). Diese fundamental neue Denkweise Luhmanns schafft viele Anschlussfähigkeiten, jedoch werden bestimmte theoretische Verknüpfungen problematisch.

Für unseren Diskurs würde ich eine tiefere theoretische Verortung zunächst vernachlässigen, da sie erstens im Laufe unserer Argumente wieder in Erscheinung tritt und zweitens – und dies erachte ich als ertragreicher – unsere Beobachtungen sich auf die Wirtschaft der Sozialen Arbeit konzentrieren sollten.

Kleve: Die neoliberalen Autoren, auf die ich mich beziehe, gehen eben nicht vom Homo Oeconomicus der neoklassischen Wirtschaftswissenschaften aus. Ludwig von Mises (1927) hat dieses Modell bereits in den 1920er Jahren abgelehnt und dagegen ein soziologisches, an Max Webers Handlungstheorie erinnerndes Konzept gesetzt: den Homo Agens, den handelnden Menschen (vgl. ausführlich von Mises 1940; 1949). Was dieser als rational ansieht, welche Motive er seinen Handlungen zugrunde legt, ist höchst subjektiv, kann von anderen durchaus als irrational bewertet werden. Rationalität wird also, wie in der Systemtheorie, radikal relativiert. Dennoch erhöht natürlich ein Medium die Wahrscheinlichkeit, dass das Handeln bestimmten Präferenzen folgt, das Geld. Das können wir sowohl mit der Systemtheorie als auch mit dem Liberalismus sagen: Geld als (Kommunikations-)Medium erhöht die Wahrscheinlichkeit bestimmter Motivationen und Akzeptanzen von Handlungs- bzw. Kommunikationsofferten, schafft – liberal gesprochen: spezielle Anreizstrukturen. Wenn Sie, wie im alten Indien geschehen, für jede gefangene und getötete Kobra (im Kontext einer vermeintlichen Plage bezüglich dieser Schlange) Geldprämien ausloben, dann verringern sie die Zahl dieser Tiere nicht, sondern erhöhen sie. Die Menschen beginnen nämlich, Kobras zu züchten, es wird zu einem Geschäftsmodell. Genau hier fängt Wirtschaft an, wenn es also um das Medium Geld und seine Dynamiken geht.

Den zweiten Punkt, den Sie ansprechen, dass Luhmann von menschlichen Handlungen absieht, können wir mit dem Komplexitätsthema verbinden, das für von Hayek (1961) zentral ist. Demnach verbinden sich Handlungen zu komplexen Phänomenen, wie etwa zum Markt der Wirtschaft, der unzählige Handlungen nicht vorhersehbar, nicht planbar, nicht steuerbar koordiniert. Die Systemtheorie beschreibt dieses Phänomen zwar mit zum Teil anderen Begriffen, aber dennoch sind die Erkenntnisse und Thesen, die daraus abgeleitet werden, sehr ähnlich. So ist zum Beispiel die Akzeptanz des Nichtwissens hinsichtlich komplexer Dynamiken in der Systemtheorie wie im Liberalismus zentral.

Eckl: Wird Rationalität in dem von Ihnen vorgebrachten Rahmen verwendet, dann kann jede Handlung als rational gelten und der Begriff verliert erheblich an Substanz. Meine zweite Kritik bezieht sich auf ihr Marktverständnis, in dem die Organisationen der Sozialen Dienste agieren. Wir sind uns wohl darüber einig, will man etwas über die Wirtschaft der Sozialen Arbeit sagen, so ist es sinnvoll und notwendig, die Organisationen der Sozialen Arbeit und den Markt, in dem sie partizipieren, heranzuziehen. Ihre Annahme, dass der Markt der Sozialen Dienste zwischen Marktwirtschaft und Planwirtschaft „hin und her“ changiert, erachte ich als nicht nachvollziehbar. Warum nicht?

Erstens, und ganz grundsätzlich, ist der Gegensatz von Marktwirtschaft nicht Planwirtschaft. Dieser Gedanke ist zwar intuitiv – jedoch aber auch irreführend. Das Pendant zu Marktwirtschaft ist vielmehr die Subsistenzwirtschaft (vgl. Luhmann 1997, S. 96 ff.). Darunter ist eine Wirtschaftsform zu verstehen, der es an Geldmechanismen fehlt. Zudem ist kein sich gegenseitiges Beobachten der Marktakteure gegeben. So kann etwa die Bedürfnisbefriedigung bzw. die Entwicklung neuer Bedürfnisse nur eingeschärft ablaufen und ist durch Vorratshaltung geprägt.

Heiko Kleve: Zunächst ist Marktwirtschaft für mich, und da argumentierte ich jetzt wieder ganz liberal, die Wirtschaftsordnung, die sich spontan zwischen Menschen herstellt, wenn die Menschen gegenseitige Austauschprozesse auf freiwilliger Grundlage und zum gegenseitigen Vorteil realisieren. Es ist heute die durch das Medium Geld vermittelte Reziprozität, die Anbieter (Unternehmer) und Nachfrager (Kunden) differenziert. Eine solche Marktwirtschaft sehen wir in der Sozialen Arbeit nur dann rudimentär verwirklicht, wenn wir die staatlichen Nachfrager (Jugend-, Gesundheits- Sozialämter, Arbeitsagenturen/Jobcenter sowie Städte und Kommunen) betrachten, die Leistungen von Anbietern, freien Träger, sozialen Unternehmen einkaufen, und zwar für – gemäß den Sozialgesetzbüchern – leistungsberechtigten Bürgerinnen und Bürgern. Diese Bürger/innen sind aber keine Kunden, sie fragen nicht eigenständig nach und haben auch nicht das Geld, um sich Leistungen zu kaufen. Dieser Kauf erfolgt – planwirtschaftlich reguliert – durch die genannten öffentlichen Träger, die zumeist suggerieren, dass sie wissen, was gut für die leistungsberechtigten Bürgerinnen und Bürger ist. Diese haben zwar ein formales Wahlrecht, was jedoch in der Praxis eher selten eingefordert und realisiert wird. Die Planwirtschaft kommt ins Spiel, wenn wir das Nachfragemonopol des Staates, der staatlichen Träger betrachten, die letztlich die Preise, die Angebotspalette, die fachlichen Standards etc. der freien Träger bestimmen. Das ist typisch für eine staatlich regulierte Planwirtschaft. Und diese Planwirtschaft kann dann noch so pseudo-marktwirtschaftliche Effizienzforderungen aufstellen und nur die preisgünstigsten Leistungen einkaufen, ohne dass sie in der Lage ist, deren Qualität zu prüfen. Diese muss letztlich immer aus der Perspektive der Nutzerinnen und Nutzer gesehen werden, nur sie können bewerten, ob etwas qualitativ passend ist oder nicht.

Eckl: Ihre Ausführungen offenbaren für mich ein weiteres Problem. Nämlich Sie vermischen meiner Meinung nach zwei Aspekte, die mir in der Literatur der Sozialen Arbeit häufig begegnen. Interessanterweise gibt es hier eine Äquivalenz zur Literatur der Wirtschaftswissenschaften. Das Problem ist, dass deskriptive Analysen mit normativen Grundsätzen vermischt werden. Es ist aufrichtig, dass Sie Ihre normativen Grundsätze offen darlegen (Liberalismus), jedoch erzeugt diese Vermengung analytische Fehler. Lassen Sie mich das an einem Beispiel deutlich machen. Ihre Beschreibung des Marktes der Sozialen Dienste ist weniger deskriptiv, sondern betont vielmehr, wie ein Markt sein sollte. Deutlicher zeigen sich die normativen Elemente in der vorherrschenden Wirtschaftstheorie bei den sogenannten Gesetzmäßigkeiten der Ökonomie (Sedlacek 2009, S. 18). Darunter versteht man zum Beispiel die Maxime, dass vereinfacht gesagt, teilnehmende Akteure am Markt ihren Nutzen maximieren müssen. Wenn jeder die Kosten und Nutzen seiner Markthandlungen rational abwägt und den größtmöglichen Gewinn daraus zieht, hat es für alle Teilnehmer, unter idealen Marktbedingungen, einen Nutzen. Unter idealen Marktbedingungen versteht man, dass Preise aufgrund von Nachfrage und Angebot ohne eine Machtsymmetrie entstehen (Garcia-Parpet 2007, S. 25 f.). Des Weiteren sollte das Produkt klar identifizierbar sein, Marktteilnehmer sollten ohne Einschränkungen in den Markt einsteigen bzw. aussteigen können und das Produkt muss transparent sein. Das heißt, alle besitzen gleich viel Wissen über das Produkt. Dies sind jedoch alles normative Regeln, wie ein Markt sein sollte. Die Rahmung bzw. der perfekte Markt ist ein Netz von Bedingungen. Dieses Netz ist nicht einfach entstanden bzw. es ist kein Naturgesetz, sondern wurde von Menschen konstruiert. Es sind moralische Wertvorstellungen, wie ein Markt auszusehen hat.

Betrachtet man sich Märkte ganz konkret, wird man in den meisten Fällen feststellen, dass es Preisbindungen gibt, dass Angebotspaletten reguliert werden und dass fachliche Standards von Institutionen vorgegeben werden. Dies sind keine Anzeichen von Planwirtschaft, vielmehr offenbaren diese Aspekte die strukturelle Abhängigkeit bzw. strukturelle Kopplung des Wirtschaftssystems mit andern Funktionssystemen, ohne die die Wirtschaft nicht funktionieren könnte (Luhmann 1997, S. 769). Granovetter (1985) würde von der eingebetteten Wirtschaft sprechen.

Kleve: Wir gehen offenbar von unterschiedlichen Definitionen hinsichtlich der Begriffe Plan- und Marktwirtschaft aus. Planwirtschaft ist für mich ein Wirtschaftsmodell, das einerseits den Wettbewerb ausschaltet und andererseits von zentralen Stellen aus gesteuert werden soll. Genau dies beobachten wir, ich wiederhole mich, hinsichtlich der Sozialen Arbeit: Den Wettbewerb der Nachfrager gibt es nicht. Der Staat – in unterschiedlichen Varianten – versucht, die Soziale Arbeit in verschiedener Weise zu planen. Marktwirtschaft wäre, wenn eine Mehrzahl von Nachfragern einer Mehrzahl von Anbietern gegenübersteht, wenn gewählt werden kann, eben durch monetäre Nachfrage. Ein anderes Problem ist ihr Verständnis von Konstruktion: Ja, wir konstruieren durch unsere Handlungen, die sich zu Kommunikationen verbinden, soziale Systeme. Diese Konstruktion können wir jedoch nicht zielgerichtet und planmäßig realisieren, sie läuft hinter unseren Rücken ungeplant, spontan ab. Es ist gewissermaßen eine Selbstkonstruktion des Sozialen. Wir haben es mit Nichttrivialität zu tun, mit äußerst begrenzter Planbarkeit. Hinsichtlich des Marktes finden die Menschen etwas vor, was sie zwar durch ihr Handeln erschaffen, aber eben nicht zielgerichtet konstruieren können. Dies ist eine grundlegende Erkenntnis der soziologischen Disziplin, zudem anerkannt in Systemtheorie und Liberalismus. Wie sich (Schwarz-)Märkte gar in Planwirtschaften, etwa in der DDR, spontan und ungeplant generierten, konnte ich als DDR-Bürger (ich habe zwanzig Jahre in diesem planwirtschaftlichen System gelebt) beobachten. Hinsichtlich des Schwarzmarktes von Computersoftware war ich selbst als Nachfrager und Anbieter auf dem Markt aktiv. Hier gab es keine festgelegten Preise, wie sonst in der DDR-Wirtschaft üblich, diese generierten sich durch das Wechselspiel auf dem Markt, durch die Verkettungen von Angebot und Nachfrage in nicht planbarerer Weise.

Noch einmal, Systemtheorie und Neoliberalismus korrelieren in zentralen Fragen. Während der Neoliberalismus insbesondere Wirtschaftsfragen thematisiert, ein Wirtschaftsliberalismus ist, kann die Systemtheorie weiter gefasst werden: Wir könnten sie als Systemliberalismus bezeichnen. Das betont beispielsweise Armin Nassehi (2015): Systemtheorie anerkennt die Nichtsteuer- und Nichtplanbarkeit der Systeme, deren selbstorganisierte Eigendynamik und versucht dennoch für dezentrale wechselseitige Abstimmungen zu sensibilisieren. Systemtheorie beschreibt systemische Freiheiten im Kontext der Freiheiten der anderen Systeme. Ein durch und durch liberales Programm, weil es letztlich begründet, warum Systeme grundsätzlich als frei gelten können. Gerade die wechselseitig aufeinander bezogenen Freiheitsgerade generieren Strukturen, Muster, Regeln, etwa Märkte und andere Phänomene sozialer Selbstorganisation. Nichts anderes meint Luhmanns (1984) Konzept der doppelten Kontingenz.

Eckl: Zunächst beruht ihr Verständnis von Marktwirtschaft und Planwirtschaft nicht auf Beobachtungen darüber, wie Märkte in der Praxis funktionieren, sondern es sind – wie sie ja selbst sagen – liberale Ideen – ich würde sagen – Ideologien. Denn Marktwirtschaft ist in der Praxis (und auch in der Theorie) mehr als nur ein Nachfrage- und Angebotsverhältnis und Planwirtschaft ist mehr als staatliche Regulierung. Dass die Preisfindung etc. auf Märkten nicht so funktioniert wie Sie und ihre angeführten neoliberalen Autoren darstellen, zeigen etliche Studien (Akerlof 1970; Bourdieu 1998; Heiberger 2015). Insbesondere Heiberger (2015) zeigt wunderbar auf, in wieweit die Preisfindung sogar auf dem Finanzmarkt durch Netzwerke, Institutionen und einer bestimmten Kultur konstruiert wird.

Mit sozial konstruierten Märkten meinte ich, dass es eine gegenseitige Interpenetration von ökonomischer Theorie und ökonomischer Praxis gibt. Dies zeigen insbesondere Studien der neueren Wirtschaftssoziologie. Ökonomische Vorstellungen darüber, wie Märkte sein sollten, werden in der Praxis umgesetzt und nach diesen Vorstellungen geplant – was natürlich nicht gleich heißt, dass sie dann auch so funktionieren. Bezüglich der Planbarkeit bin ich ganz bei Ihnen, was jedoch nicht heißt, dass es keine Einflüsse gibt. Zudem existieren in jedem Markt Aspekte von Machtasymmetrien (Bourdieu 1998). Ein wunderbares Beispiel hierfür ist eine Studie von Garcia-Parpet über einen Erdbeermarkt von Fontaines-en Sologne in Frankreich, in dem seine Entstehung und Entwicklung aufgrund des Einflusses von ökonomischen Theorien nachgezeichnet wird (Garcia-Parpet 2007). In der Wirtschafssoziologie nennt man dieses Phänomen Performation.

Ich greife in meinem Artikel „Wirtschaft und Soziale Arbeit“ nicht ohne Grund auf den Quasimarkt zurück, um den Markt der Sozialen Arbeit zu charakterisieren (Eckl 2016, S. 126). Denn dieser berücksichtigt, dass eine zentrale Steuerungsinstanz existiert, die bestimmt, wie viel Geld im Markt der Sozialen Dienste zirkulieren kann (soll). Weiter berücksichtigt das Konzept, dass es Konkurrenz gibt, nämlich zwischen den Organisationen der Sozialen Dienste, die um beschränke Mittel kämpfen müssen. Dass diese Konkurrenz existiert und dass dies für die Leistungsproduktion nicht gerade von Vorteil ist, zeigen ebenfalls viele Kollegen (Bode 2005; Binswagner 2010).

Letztendlich ist Ihr „Systemliberalismus“ für mich nicht stichhaltig genug. Denn Systeme sind nicht frei, genauso wenig sind sie unfrei. Zentral ist, dass Selbstorganisation nicht mit Freiheit gleichzusetzen ist. So stehen Funktionssysteme, trotz ihrer vorhandenen Spielräume in starken Abhängigkeitsverhältnissen zueinander (Luhmann 1997, S. 769; Münch 1982, 123 ff.). Das Funktionssystem der Sozialen Arbeit besitzt nicht die Freiheit, etwas anderes zu tun, als seine Operationen durch den Code von Helfen/Nicht Helfen zu operieren. Wie die jeweilige Zuweisung zu Stande kommt, wird erheblich von den Programmen mitbestimmt. Inwieweit Organisationen der Sozialen Arbeit z.B. durch ökonomische Gesichtspunkten auf ihrer Programmebene eingeschränkt werden, versuche ich in meinem Artikel aufzuzeigen. Vielleicht wollen wir darauf einmal zu sprechen kommen?

Kleve: Ein Problem unseres Dialogs ist, dass wir von unterschiedlichen Autoren und Studien ausgehen, dass wir möglicherweise auch die Begriffe, die wir verwenden, sehr unterschiedlich definieren. Wir heben sehr von den Problemen ab, um dies es uns eigentlich geht. Wir sollten auf die Soziale Arbeit zurückkommen. Bevor wir das tun, noch ein Aspekt zur Freiheit, womit ich meine, dass Systeme eben autopoietisch strukturiert sind, von außen nicht determinierbar. Determination kann demzufolge nur Selbstdetermination sein. Die Umwelt regt Systeme vielleicht an, setzt bestimmte Anreizstrukturen, aber kann die Systeme nicht steuern. Kontingenz lässt sich in komplexen, in nichttrivialen Kontexten nicht eliminieren. Dies meine ich mit Freiheit. Diese Freiheit ist die Bedingung für selbstorganisierte Struktur- und Musterbildung. Ein Phänomen, das genauso auch im Neoliberalismus, etwa bei von Hayek beschrieben wird. Zur Sozialen Arbeit: Hier liegt unsere Differenz darin, dass Sie einen Quasimarkt sehen, Sie also selbst eine Differenz zum Markt bezeichnen. Wie gesagt, ein Markt wäre gegeben, wenn nicht nur der Staat nachfragt und mit seinem Nachfragemonopol Steuerung und Planung versucht, sondern wenn tatsächlich Klienten zu Kunden werden können. Günter Gerhardinger (2004) fordert seit Jahren, dass wir in der Sozialen Arbeiten reale Kunden brauchen, die über ihre Nachfrage das Angebot bestimmen. Denn in einer Marktwirtschaft ist der Wettbewerb der Anbieter um die besten Angebote für die Kunden ein Entmachtungsverfahren: Es werden die Anbieter belohnt, die den Bedürfnissen der Kunden am ehesten entsprechen können. Ein anderes Problem der derzeitigen Struktur ist, dass wir eine problemorientierte Anreizstruktur haben, dass etwa durch Tagessätze und Fachleistungsstunden die Arbeit an Problemen und nicht die nachhaltige Kreation von Lösungen für die Träger finanziell attraktiv ist. Denken Sie an mein oben beschriebenes Kobra-Beispiel. Genau hier sollten wir ansetzen.

Eckl: Wie ich bereits erwähnt habe, empfinde ich den Freiheitsbegriff für Systeme unpassend. Ich stimme Ihnen zu, wenn Sie sagen, dass autopoietische Systeme nicht determiniert werden können. Aber zwischen der totalen Steuerung und einer Beeinflussung liegt ein weites Feld. Ich bin hier sehr nahe an Parsons (1977) und Münch (1982), die von der gegenseitigen Interpenetration der Systeme sprechen, das heißt, dass sich Systeme sehr wohl gegenseitig beeinflussen können. Auch in der Systemtheorie Luhmanns ist dieser Aspekt denkbar, auch wenn Luhmann selbst dies wohl weniger bevorzugt hätte. Mit Luhmann gegen Luhmann gesprochen kann nämlich auf der Programmebene von Systemen fremdsystemischer Einfluss gedacht werden. Ich möchte das an dem Beispiel der Ökonomisierung darlegen und gleich den von Ihnen zurecht angehmahnten Bezug zur Sozialen Arbeit wieder herstellen.

Unter Ökonomisierung versteht man einen Prozess, in dessen Verlauf wirtschaftliches Denken und Handeln in gesellschaftliche Bereiche vordringt, die bisher davon nicht (oder nur wenig) betroffen waren. Schimank (2009) geht nun davon aus, dass durch die Dominanz des generalisierten Kommunikationsmediums Geld, welches nicht nur im Funktionssystem der Wirtschaft, sondern auch in allen anderen Teilsystemen benötigt wird, in den Teilsystemen ein Kostendruck verursacht (ebd., S. 333 f.). Dieser Kostendruck findet auf der Programmebene der Systeme in Form eines Wandels bezüglich des Umgangs mit Geld statt (Schimank; Volkmann 2008, S. 358). Besteht zu Beginn noch keine Sorgfaltsverpflichtung gegenüber Geld, wird diese immer stärker, bis Geldsparen zu einer „Muss-Erwartung“ wird und auch Geld erwirtschaftet werden muss. Nun ist dieser Prozess auf Ebene der Funktionssysteme schwieriger nachweisbar. Vielmehr ist dieses Phänomen auf Organisationsebene zu beobachten. Das heißt dann – und das habe ich in meinem Artikel aufgezeigt – dass die Gefahr besteht, dass wenn auf der Programmebene ökonomische Gesichtspunkte immer wichtiger und dominanter werden, die Organisationen sich gravierend in ihrer Leistungsproduktion verändern können. Denn ihr binärer Code von Hilfe/Nicht Hilfe orientiert sich dann immer stärker an ökonomischen Gesichtspunkten. Wie Sie sehen, spreche ich hier nicht von einer Determination, also von der totalen Vereinnahmung ökonomischer Aspekte in sozialen Einrichtungen. Aber es besteht die Gefahr, dass sozialarbeiterisches Handeln immer stärker unter einer ökonomischen Effizienzlogik geschehen muss und diese Entwicklung beobachte ich mit Sorge. Denn es kann eben auch heißen, dass es ökonomisch sinnvoll ist, Lösungen von Problemen hinauszuzögern und den „Kunden“ an die Dienstleistung bzw. an das Produkt zu binden.

Kleve: Auf dieser operativen Ebene liegen wir gar nicht weit entfernt. Wie Sie selbst anmerken, kommen in Organisationen die unterschiedlichen Logiken der Funktionssysteme zusammen, verbinden sich, tangieren und restringieren sich. In sozialarbeiterischen Organisationen geht es eben nicht nur um Soziale Arbeit, nicht nur um professionelle Hilfe oder Nicht-Hilfe, sondern eben auch um Recht, Politik, Wissenschaft, vielleicht sogar um Kunst und Religion und zweifellos um Geld, um Wirtschaft. Geld ist ein besonders starkes Medium in unserer Gesellschaft, das Anreizstrukturen setzt, dass also die Hilfe mit hoher Wahrscheinlichkeit in bestimmte Richtungen lenken oder umlenken kann. Denn Organisationen sind als wirtschaftliche Einheiten auf den Geldfluss angewiesen, der – wie mehrfach gesagt –, staatlich, zentralisiert und damit eben auch planwirtschaftlich gelenkt wird. Letztlich geht es dem Staat nicht um Effizienz und Effektivität, sondern darum, die eigene Schuldenlast zu reduzieren, etwa durch Einsparungen in unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen, eben auch in der Sozialen Arbeit. Meine These ist, dass wir hier nicht eine wirtschaftliche Ökonomisierung, sondern eine verstärkte Verstaatlichung der Sozialen Arbeit erleben. Genauso wie Sie die stärkere funktionale Differenzierung von Sozialer Arbeit und Ökonomie einfordern, fordere ich sie striktere Separierung von Staat/Politik und Soziale Arbeit ein. Zurück zum Geld als Rahmen, als Faktor sozialarbeiterischer Kontextsteuerung: Wir sollten uns fragen, wie die Wirtschaft der Sozialen Arbeit, also der Geldfluss, das Geld als Anreizstruktur so gestaltet werden kann, dass die normativen Ziele der Sozialen Arbeit, die übrigens strikt liberale sind, gestützt statt geschwächt werden. Das aktuelle System verstärkt Prozesse der „fürsorglichen Belagerung“ (Heinrich Böll), statt Emanzipationstendenzen der Klienten zu fördern.

Eckl: Ich möchte Ihre beiden Gedanken gerne aufgreifen. Ihrer These, dass wir keine Ökonomisierung in der Sozialen Arbeit haben, sondern vielmehr eine verstärkte Verstaatlichung, kann ich nicht zustimmen. Ich denke, dass es seit den 1990er Jahren eine Ökonomisierung zu beobachten gibt, die staatlich gewollt und durch staatlicher Initiative durchgesetzt wurde. Dieser Prozess ist auf unterschiedlichsten Ebenen zu beobachten. Lessenich (2010) beschreibt die Entwicklung u.a. auf der Mikroebene. So werden die Menschen immer stärker gezwungen, sich privat – ja eigenverantwortlich – zu versorgen (Pflege, Rente, Arbeitslosigkeit etc.). Im Sinne des „unternehmerischen Selbst“ soll der Mensch mittels behavioristischen Verhaltensmodifikationen zu ökonomisch-rationalen, eigenverantwortlichen Subjekten, herangezogen werden (vgl. Bröckling 2007). Auf der Mesoebene ist dies bezüglich der Organisationen der Sozialen Arbeit zu beobachten, die sich seit längerem gezwungen sehen, erhebliche Konkurrenzkämpfe am Quasimarkt einzugehen. In beiden Fällen gibt es eine strukturelle Äquivalenz, nämlich, dass erstens der Staat Wettbewerb und eine ökonomische Logik fördern möchte. Zweitens ist zu erkennen, dass sich der Staat nicht zurückzieht (hier gebe ich Ihnen teilweise Recht), sondern dass er abweichendes Verhalten bestraft. Wer nicht nach ökonomischen Marktlogiken handelt und eben nicht sich selbst oder seine soziale Einrichtung als Unternehmen ausrichtet, der hat im Extremfall mit Sanktionen zu rechnen, zumindest wird ihm die Unterstützung entzogen (Lessenich 2010, S. 164 f.).

Das zweite von Ihnen vorgebrachte Argument, dass die aktuelle Situation die „fürsorgliche Belagerung“ fördere, weise ich entscheidend zurück. Denn wie ich bereits zuvor erörtert habe, gibt es keine Gründe, warum der von Ihnen geforderte „freie“ Markt diese Belagerung nicht haben sollte. Denn ökonomisch betrachtet macht eine Kundenbindung Sinn bzw. das aufrechterhalten der Dienstleistung ist eine notwendige Konsequenz in einer Marktwirtschaft. Ich bezweifle auch, dass ihre Darstellung der Hilfeleistung bzw. die „fürsorgliche Belagerung“ wirklich so verbreitet ist. Hierzu fehlen mir eindeutig die Fakten.

Kleve: Bezüglich des ersten Punktes, dass die vermeintliche Ökonomisierung eher einer zunehmende Verstaatlichung gleichkommt, dass es um staatliches Sparen im Kontext der Überschuldung öffentlicher Kassen geht, möchte ich auf Arbeiten von Matthias Möhring-Hesse (2015) verweisen, der dies hinsichtlich der sozialen Dienste zeigt. Ähnliches können wir hinsichtlich des staatlichen Bildungssystems, etwa im Hochschulbereich sehen, wie etwa Birger Priddat (2014) feststellt. Zum zweiten Punkt: Wir haben äußerst engagierte und sehr gut ausgebildete Fachkräfte, die ressourcen- und lösungsorientierte Methoden beherrschen, die lebenswelt- und sozialraumorientiert arbeiten können. Das nützt aber alles nichts, wenn die Finanzierungsstrukturen dieses Arbeiten nicht belohnen, sondern bestrafen. Eine Einrichtung kommt an die Grenzen ihrer Existenz, wenn sie tatsächlich so arbeitet, wie dies mit den genannten Konzepten möglich ist. Michael Biene (2013) spricht in diesem Zusammenhang vom Abgabemuster: Die Organisationsstrukturen lenken die sozialarbeiterischen Interaktionen in Bahnen, durch welche die Nutzerinnen und Nutzer ihre Verantwortung für die Lösung der Probleme und damit auch ihre eigene Kreativität und ihr Engagement abgeben: an die Soziale Arbeit. Denn dies lohnt sich finanziell. Die professionelle Fremdhilfe so schnell wie möglich zu beenden, ist nicht attraktiv, es stellt den Geldfluss zur Disposition, die Finanzierung der Träger. Hier brauchen wir unbedingt Innovation, etwa die im Konzept der Sozialraumorientierung geforderten Sozialraumbudgets oder die von Günther Gerhardinger angemahnte tatsächliche Kundenorientierung (die Nutzerinnen und Nutzer bekommen das Geld zur Nachfrage der professionellen Hilfen direkt und nicht die Träger) oder eine am Hilfeerfolg sich ausrichtende Finanzierung.

Letztlich kommen wir an dieser Stelle zu einem Punkt, den ich abschließend ins Gespräch bringen möchte, nämlich die Frage nach der normativen Funktion Sozialer Arbeit. Nach Timo Ackermann (2011) liegt diese in einem liberalen Rechts- und einem sozial Wohlfahrtsstaat wie Deutschland – und dies auch gesetzlich fixiert: in der Ermöglichung und Verstärkung von individueller Selbstverantwortung, sozialer Selbstorganisation und Subsidiarität. Alle meine Thesen und Konzepte laufen letztlich darauf hinaus, dass wir diese normative Funktion ernst nehmen, dass wir die Soziale Arbeit so strukturieren, dass wir tatsächlich die Menschen in ihren Lebenswelten stärken, dass wir deren Selbstwirksamkeit erhöhen.

Eckl: Ich möchte zum Ende dieser Diskussion noch auf zwei Aspekte Ihrer Argumentation eingehen. Erstens auf die Organisationsstrukturen, die der „Hilfe zur Selbsthilfe“ nach Ihrer Auffassung entgegenwirkt. Ich schätze Ihre Expertise sehr, insbesondere im Feld der Hilfe zur Erziehung. Aber – und hier wiederhole ich mich – bisher gibt es keine mir bekannten Studien, die dieses Phänomen flächendeckend nachweisen. Ich denke auch, dass in der Praxis viele solcher Fälle existieren, jedoch wäre ich mit der Bewertung über deren Ausmaße vorsichtiger. Hier ist auf jeden Fall der Raum für ein größeres Forschungsvorhaben gegeben.

Zweitens – und nun möchte ich auch etwas über die normative Funktion der Sozialen Arbeit sagen – ist das stärken der Adressaten in ihrer Lebenswelt – und die Erhöhung ihrer Selbstwirksamkeit – ein sehr wichtiges normatives Ziel der Sozialen Arbeit. Aber – und dies möchte ich mit aller Kraft betonen – es ist ein Ziel unter vielen anderen. Denn bleibt Freiheit und Selbstbestimmung auf der Ebene einer individuellen Logik, kann Soziale Gerechtigkeit nicht erreicht werden. Denn Freiheit ist immer auch in Hinblick mit einer veränderbaren und gestaltbaren Sozialordnung verknüpft. So betont Hosemann (2015) in Bezug auf Honneth: „Selbstverwirklichung ist auf eine Sozialordnung angewiesen, die reflexiv auf die Herstellung gerechter Verhältnisse zielt. Dafür sind entsprechende Institutionen notwendig. Für Honneth bedeutet das: Gerechtigkeit ist sozial fundiert und die Institutionen sind nicht Ergebnis sondern integraler Bestandteil (Voraussetzung) der Verwirklichung von Freiheit und sozialer Gerechtigkeit.“ (Hosemann 2015, S. 47).

Kleve: Abschließend machen Sie ein weiteres Thema auf, nämlich soziale Gerechtigkeit. Hierzu könnten wir einen neuen Dialog beginnen. Aus liberaler Sicht kann hier gefragt werden, ob es um Chancen- oder Ergebnisgerechtigkeit gehen soll. Wenn allen die gleichen Chancen gegeben werden (was unbedingt gefordert werden sollte, siehe dazu aktuell Fratzscher 2016), heißt das noch lange nicht, dass sie auch identische Ergebnisse, dieselben Ziele erreichen. Dies ist von unterschiedlichsten Bedingungen abhängig, die Sie kaum planend und zielgerichtet gestalten können. Wenn sie soziale Gerechtigkeit im Sinne einer Ergebnisgerechtigkeit verstehen, dann haben Sie der Sozialen Arbeit eine nicht lösbare Aufgabe aufgegeben, die letztlich mit einer immer weiter getriebenen Aufgabenerweiterung auf der Seite der Sozialen Arbeit und einer Anspruchsinflation auf der Seite der Bürger/inne einhergeht, wie Luhmann (1981) dies in seiner Theorie des Wohlfahrtsstaates beschrieben hat.

Wo ich Ihnen zustimme ist, dass es tatsächlich um das Austarieren von individuellen Belangen wie etwa Selbstverwirklichung und Verantwortung im Kontext von Sozialordnungen geht. Bewusst spreche ich im Plural von Sozialordnungen. Denn wir leben in einer Gesellschaft, in der wir mindestens zwei unterschiedliche soziale Logiken unterscheiden können (und hier setze ich mich von Luhmann ab), die mit Jürgen Habermas als System- und als Lebenswelt oder mit von Hayek als anonyme große Gesellschaft und als private kleine Gesellschaft bezeichnet werden könnten. Wir sollten aufpassen, dass wir das, was wir im Freundes- und Familienkreis (Lebenswelt, kleine Gesellschaft) voraussetzen und erwarten, nicht von den Funktionssystemen (etwa Wirtschaft oder Politik als Systeme bzw. große Gesellschaft) erwarten. Während Habermas vor der systemischen Kolonialisierung der Lebenswelten gewarnt hat, könnten wir mit Luhmann und von Hayek genauso berechtigt vor der lebensweltlichen Kolonialisierung der Systeme warnen. Ein schönes Beispiel, wie die Ansprüche an Gegenseitigkeit und Gerechtigkeit von Familien und Freunden in die große Gesellschaft hinein getragen werden, ist Ulrich Schneiders Buch „Mehr Mensch“ (2014).

Ich danke Ihnen für den Dialog und hoffe, dass wir bei den Leserinnen und Lesern ein Nachdenken anregen, dass zu eigenen Positionen und Thesen führt, dass das Selberdenken und Selbermachen herausfordert.

Literatur:

Ackermann, Timo: Fallstricke Sozialer Arbeit. Systemtheoretische, psychoanalytische und marxistische Perspektiven. Heidelberg 2011.

Akerlof, George: The Market for “Lomons”: Quality Uncertainty and the Market Mechanism. In: The Quarterly Journal of Economics. 3/1970. S. 488-500.

Biene, Michael: Einblicke in die Praxis der Elternaktivierung nach dem SIT-Ansatz. In: Rhein, Volker (Hrsg.): Moderne Heimerziehung heute. Band 4: Systemische Interaktionstherapie und unterstützende Methoden in der Praxis. Herne 2013.

Binswagner, Mathias: Sinnlose Wettbewerbe. Warum wir immer mehr Unsinn produzieren. Freiburg 2010.

Bode, Ingo: Einbettung und Kontingenz. Wohlfahrtsmärkte und ihre Effekte im Spiegel der neueren Wirtschaftssoziologie. In: Zeitschrift für Soziologie 4/2005, S. 250–269.

Bolz, Norbert: Das konsumistische Manifest. München 2002.

Bolz, Norbert: Die ungeliebte Freiheit. Ein Lagebericht. München 2009.

Bolz, Norbert: Profit für alle. Soziale Gerechtigkeit neu denken. Hamburg 2009.

Bröckling, Ulrich: Das unternehmerische Selbst. Soziologie einer Subjektivierungsform. Frankfurt am Main 2007.

Eckl, Markus: Soziale Arbeit und Wirtschaft. Eine alternative Perspektive zur aktuellen Debatte. In: Soziale Arbeit 4/2016, S. 122-128.

Fratzscher, Marcel: Verteilungskampf. Warum Deutschland immer ungleicher wird. München 2016.

Fuchs, Peter: Adressabilität als Grundbegriff der soziologischen Systemtheorie. In: Soziale Systeme 3/1997.

Gerhardinger, Günter. Zur Ökonomisierung Sozialer Arbeit – Chancen und Risiken der Privatisierung sozialer Dienstleistungen. Abrufbar unter: http://gerhardinger-online.de/1409588.htm, 2004 [14.02.2016].

Gracia-Parpet, Marie-France: Do economists make markets? On the performativity of economics. Princeton 2007.

Granovetter, Mark: Economic Action and Social Structure. The Problem of Emdeddedness. In: American Journal of Sociology 3/1985. S. 481-510.

Hank, Rainer: Links, wo das Herz schlägt. Inventur einer politischen Idee. München 2015.

Hayek, Friedrich August (1974). Die Anmaßung von Wissen. In: Vanberg, Viktor J. (Hrsg.): Hayek Lesebuch. Tübingen 2011.

Hayek, Friedrich August: Der Weg zur Knechtschaft. München 1944.

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Autor: Heiko Kleve

Heiko Kleve

3 Kommentare zu „Die Wirtschaft der Sozialen Arbeit. Ein Dialog zwischen Markus Eckl und Heiko Kleve“

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