Netzwerke als Systeme persönlicher Reziprozität

In Vorbereitung eines Vortrags befasse ich mich gerade mit der Frage, wie Vernetzung aus systemtheoretischer Sicht verstanden werden kann. Grundsätzlich geht es mir dabei um drei Fragen:

  1. ob Systeme und Netzwerke verschiedene Begriffe für identische soziale Phänomene sind oder
  2. ob wir davon ausgehen sollten, dass beide Konzepte unterschiedliche soziale Prozesse in den Blick bringen oder
  3. ob Netzwerke eine eigenständige Art von sozialen Systemen sind.

Ich präferiere die dritte Option: Netzwerke lassen sich als eine besondere Form sozialer Systeme begreifen.

Netzwerke können als soziale Systeme beschrieben werden, die sich im „Zwischen“ der (von der soziologischen Systemtheorie benannten) sozialen Systeme Interaktion, Organisation und Gesellschaft etablieren. Netzwerke bedienen offenbar eine gesellschaftliche Funktion, die von den Systemen Interaktion, Organisation und den gesellschaftlichen Subsystemen nicht bedient wird, nämlich dann Vernetzung, soziale Verbindung zu stiften, wenn diese in der funktional differenzierten, maßgeblich von Organisationen strukturierten Gesellschaft nicht vorgesehen ist und möglicherweise sogar (aus rechtlicher Sicht) als nicht legitim gilt.

Quer zu den Grenzen der gesellschaftlichen Subsysteme, der Funktionssysteme werden durch Netzwerke soziale Verbindlichkeiten hergestellt, die – um ein Beispiel zu bringen – dazu führen könnten, dass in der Wissenschaft Projekte von politischen Akteuren (etwa von Ministerien) finanziell gefördert werden, weil es eine persönliche Beziehung zwischen einem Politiker und einem Wissenschaftler gibt. Die notwendigen Formalisierungen, mithin die juristische Legitimierung und die Verfahren zur entsprechenden politischen Entscheidungsfindung hinsichtlich der Projektförderung werden erst im Nachhinein realisiert, um den Anforderungen der funktional differenzierten Gesellschaft zu genügen. Das Ergebnis des formalen Verfahrens stand jedoch bereits vorher fest, wurde im sozialen Netzwerk der beteiligten Personen aus Politik und Wissenschaft bereits getroffen.

Freilich lassen sich zahlreiche andere Netzwerke beispielhaft nennen, die weniger problematisch erscheinen, als die aufgeführte Netzwerkverbindung von Politik und Wissenschaft. So könnten auch Freundschaften, Bekanntschaften und Nachbarschaften als soziale Netzwerke verstanden werden. Alle sozialen Relationen, die sich quer zu den etablierten Funktionssystemen bilden, die aufgrund ihrer zeitlichen Stabilität jedoch nicht lediglich als Interaktionen sowie aufgrund ihrer nicht formalisierten Struktur auch nicht als Organisationen zu fassen sind und die sich zudem jenseits von familialen Verwandtschaftsbeziehungen etablieren, haben tendenziell Netzwerkcharakter.

Offenbar hat die Gesellschaft einen Bedarf an solchen Netzwerkrelationen. Denn wir alle kennen zahlreiche Beispiele für derartige Netzwerke. In solchen Netzwerken wird wiederkehrend Interaktion, also Kommunikation unter Anwesenden betrieben. Diese Interaktion entwickelt jedoch ein soziales Gedächtnis, das sich durch einen binären Code etabliert, nämlich durch Geben und Nehmen. Soziale Netzwerke sind gekennzeichnet durch eine soziale Relation, die in der Alltagssprache mit Floskeln wie „eine Hand wäscht die andere“ oder „so wie du mir, so ich dir“ zum Ausdruck kommt. Damit generieren Netzwerke eine Erwartungsstruktur, die mit jedem Nehmen ein nächstes Geben in Aussicht stellt. Der Wissenschaftler, der von einem Politiker seine Projektförderung bekommt, gerät in eine Situation, die ihn mit der Erwartung des Politikers konfrontiert, für das, was er bekommen hat (die Projektförderung), bei nächster Gelegenheit etwas zurückzugeben.

Netzwerke vollziehen sich daher im Medium der persönlichen Reziprozität. Motivationen und Annahmen von Kommunikationsofferten werden durch so genannte Erfolgsmedien der Kommunikation initiiert und gehalten. So ist das Medium der persönlichen Reziprozität, das die Erwartungsstruktur bzw. den Code von Geben und Nehmen einbettet, funktional äquivalent etwa mit den bekannten Medien Geld (der Wirtschaft), Macht (der Politik) und Liebe (der Intimbeziehung und der Familie). Wie Geld, Macht und Liebe verschafft persönliche Reziprozität den Beteiligten eine Erwartungssicherheit, die dazu führt, dass sich bestimmte Kommunikationen einstellen und wiederholen. Wer im Rahmen von Netzwerkrelationen etwas genommen hat, wird mit der Erwartung konfrontiert, etwas zurückzugeben.

Dabei folgen die Netzwerkinteraktionen dem Strukturprinzip des Ausgleichs, ohne jedoch einen tatsächlichen Ausgleich von Geben und Nehmen zu erreichen. Denn dann würde das Netzwerk zerfallen. Die soziale Autopoiesis des Netzwerks setzt voraus, dass zwischen Geben und Nehmen die Differenz des Nichtausgleichs beobachtet wird. Wer etwas bekommt, generiert die Erwartung, bei passender Gelegenheit etwas zurückzugeben, womit die Netzwerkbeziehungen stabilisiert und abrufbar gehalten werden. Interessant ist diesem Zusammenhang schließlich die Frage, wie lange Netzwerkbeziehungen halten, wie viel Zeit zwischen Nehmen und Geben ins Land gehen kann, also wie lange sich Erwartungen, dass etwas zurückgegeben wird, stabilisieren, bevor sie (bei nicht erfolgender Gegengabe) zerfallen.

Autor: Heiko Kleve

Heiko Kleve

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