Die fünf Seiten der Unternehmerfamilie. Skizze einer systemischen Theorie

Unternehmerfamilien sind Familien, deren Mitglieder Eigentümer/innen eines Unternehmens sind. Mehr als zwei Drittel aller Unternehmen können als Familienunternehmen charakterisiert werden (vgl. Stiftung für Familienunternehmen).

In der Beschäftigung mit Unternehmerfamilien und Familienunternehmen werden in der Regel die beiden Seiten dieser Sozialformen herausgestellt: die Verbindung von einerseits Familie und andererseits Unternehmen (siehe aktuell dazu von Schlippe/Rüsen/Groth 2017). Meine These lautet nun, dass die Komplexität, die Vielschichtigkeit von Unternehmerfamilien besonders dadurch deutlich wird, dass wir nicht nur zwei Seiten unterscheiden, sondern von fünf Perspektiven ausgehen, die bei der Forschung und Theoriebildung von Unternehmerfamilien systematisch berücksichtigt werden sollten (vgl. Kleve 2017):

Die eine Seite – die Familie: Aus dieser ersten Perspektive betrachten wir die Familie, die familiäre Kommunikation in der Unternehmerfamilie, insbesondere die familieninterne Repräsentation des Unternehmens. Wie werden das Unternehmen und alle damit zusammenhängenden Fragen in der Familie thematisiert? Welche familiären, insbesondere sozio-emotionalen Dynamiken lösen Unternehmensfragen aus und wie werden diese in der familiären Kommunikation verarbeitet?

Die zweite Seite – das Unternehmen: Das Unternehmen, das im Familienbesitz ist, wird von einer Logik geprägt, die den besonderen Charakter eines Familienunternehmens zum Ausdruck bringt. Daher ist hier die Frage interessant, in welcher Weise die Familie im Unternehmen relevant wird, welche unternehmerischen Dynamiken durch die Familie und deren Entwicklungen auch im Betrieb ausgelöst werden. Von wem und wie wird die Familie im Unternehmen thematisiert? Welche kommunikative Relevanz hat dies für die Entwicklung des Unternehmens?

Die dritte Seite – die Verbindung von Familie und Unternehmen: Diesbezüglich geht es darum, zunächst die rechtliche Verbindung von Familie und Unternehmen zu konstatieren, die durch das Eigentum der relevanten Familienmitglieder am Unternehmen deutlich wird. Des Weiteren interessiert hier vor allem die Frage, welche Sozialform entsteht, wenn etwas zusammengebunden wird, was in der Evolution der modernen Gesellschaft, im Zuge der funktionalen Ausdifferenzierung mehr und mehr separiert wurde: familiäre und wirtschaftliche Kommunikationskreisläufe. Die Familie reguliert ihre Systemgrenzen über verwandtschaftliche Zugehörigkeit, emotionale Bindung und den potentiell ganzheitlichen Einbezug der relevanten, also miteinander verwandten Personen. Das Unternehmen organisiert sich formal und rational über betriebswirtschaftliche Programme und bindet Personen rollenförmig sowie ausgehend von deren Kompetenzen und Leistungen ein. Wie verläuft  die Verkoppelung dieser unterschiedlichen Sozialformen? Welche Folgen für die Kommunikation zeigen sich hier? Wie und in welcher Weise werden die beiden unterschiedlichen Kontexte in der Kommunikation von Familien- und Unternehmensmitglieder sowohl getrennt als auch verkoppelt?

Die vierte Seite – die Kontexte der Unternehmerfamilie: Diese Perspektive fokussiert den Rahmen der Unternehmerfamilie, insbesondere deren biologische, psychische und gesellschaftliche Umwelt. Die Biologie kommt in den Blick, wenn wir existenzielle Fragen von Leben und Tod oder von Krankheit und Behinderung der Mitglieder der Unternehmerfamilie und deren Auswirkungen auf Unternehmen und Familie betrachten. Die Psyche der Unternehmensfamilienmitglieder, ihre Denkweisen, Glaubenssätze oder internen Präferenzen sowie deren Auswirkungen auf Familie und Unternehmen sind hier zudem relevant. Besonders interessant erscheint mir jedoch vor allem die gesellschaftliche Dimension, die soziale Einbettung von Familienunternehmen und Unternehmerfamilien, ihre kontextuelle Abhängigkeit von wirtschaftlichen, rechtlichen, politischen oder wissenschaftlichen Entwicklungen innerhalb der Gesellschaft. Welche Veränderungen werden in Unternehmerfamilien durch die gesellschaftliche Evolution herausgefordert? Wie gelingt es Unternehmerfamilien, ihre möglicherweise über mehrere Generationen tradierte Familien- und Unternehmensstruktur zu bewahren bei gleichzeitiger Offenheit für Innovationen, die von der gesellschaftlichen Umwelt herausgefordert werden? Mit einer ähnlichen Frage beschäftigt sich der diesjährige Kongress für Familienunternehmen an der Universität Witten/Herdecke, und zwar unter dem Titel „Zukunft wahren“.

Die fünfte Seite – die Möglichkeit der Transformation: Hier fokussieren wir die Frage, wie es Unternehmerfamilien angesichts der benannten vier Seiten und den damit einhergehenden Herausforderungen gelingt, Transformationen zu realisieren, Beständigkeit und Wandel in eine ausgewogene Balance zu bringen und sich erfolgreich in die Zukunft hinein zu bewegen.

Literatur:

Arist von Schlippe, Tom Rüsen, Torsten Groth (2017): Die beiden Seiten der Unternehmerfamilie. Familienstrategie über Generationen. Auf dem Weg zu einer Theorie der Unternehmerfamilie. Göttingen: Vandenhoeck + Ruprecht.

Heiko Kleve (2017): Das Tetralemma der Unternehmerfamilie. Skizze eines systemischen Forschungsprogramms. Erscheint in: systeme, November 2017, in Vorbereitung.

Autor: Heiko Kleve

Heiko Kleve

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