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Vom Privileg, ein äußerst nachgefragtes Studium zu beginnen, erfolgreich zu absolvieren und feierlich zu beenden.

Vom Privileg, ein äußerst nachgefragtes Studium zu beginnen, erfolgreich zu absolvieren und feierlich zu beenden.

Liebe Absolventinnen und Absolventen des Fachbereichs Sozial- und Bildungswissenschaften,

ich beglückwünsche Sie herzlich zum erfolgreichen Abschluss Ihres Studiums. Nun haben Sie es geschafft und haben – wahrscheinlich schon seit geraumer Zeit – die Bachelor- bzw. die Masterurkunde in der Tasche, sind stolze Besitzerinnen und Besitzer eines ersten oder eines zweiten, vielleicht sogar schon eines dritten oder vierten akademischen Abschlusses. Weiterlesen „Vom Privileg, ein äußerst nachgefragtes Studium zu beginnen, erfolgreich zu absolvieren und feierlich zu beenden.“

Postmodernes Beobachten 2. Ordnung statt Kritik

Es liegt nahe, […] die mit ‚Kritik‘ bezeichnete Unterscheidung durch die Unterscheidung von Beobachtern zu ersetzen.“ (Niklas Luhmann)  

Das Attribut „postmodern“ wird hier als Bewertung für eine Gemüts- und Geistesform benutzt, die sich auf die komplexen Verhältnisse heutiger Gesellschaft einstellt, in der die klassischen Schablonen und Einordnungsstrategien von „richtig“ und „falsch“, „Problem“ und „Lösung“ oder „konservativ“ und „progressiv“ mehr und mehr scheitern. Vielmehr geraten die Verhältnisse ins Trudeln: was sich hier als „richtig“ darstellt, ist womöglich woanders „falsch“. Was heute als „Lösung“ daherkommt, offenbart sich morgen als „Problem“. Postmodernes Denken ist demnach ein Denken, das sich auf kontextuelle Unterschiedlichkeit einstellt, das die Relativität der Beobachtungsverhältnisse der Welt konstatiert und die eigenen Bewertungen darauf einstellt, also mit Vorläufigkeiten, Unsicherheiten rechnet und daher Kontingenzbewusstsein fordert: Es könnte eben auch ganz anders sein, was und wie gerade beobachtet, erklärt und bewertet wird. Weiterlesen „Postmodernes Beobachten 2. Ordnung statt Kritik“

Was ist Kritik? Oder über die Unterschiede zwischen Gesellschafts-, Theorie- und Normenkritik

Das Wort „Kritik“ ist vom Französischen critique abgeleitet, was wiederum eine griechische Wurzel hat (kritikē, krínein), die ins Deutsche mit Verben wie „trennen“ und „unterscheiden“ übersetzt werden kann.[1] Die unterschiedlichen Formen von Kritik, von denen hier vier skizziert werden, gehen genau von solchen Unterscheidungen bzw. Trennungen aus. Weiterlesen „Was ist Kritik? Oder über die Unterschiede zwischen Gesellschafts-, Theorie- und Normenkritik“

Die Ost/West-Differenz – theoretische, biographische und historische Reflexionen zu einer ambivalenten und prägenden Unterscheidung

Dieser Text wurde zuerst publiziert in: Alice. Magazin der Alice-Salomon-Fachhochschule Berlin, Heft 6/2003, S. 28-31. Er bezieht sich auch auf die Tatsache, dass diese Hochschule Mitte der 2000er Jahre vom Westberliner Stadtbezirk Schöneberg in den Ostberliner Plattenbaubezirk Hellersdorf gezogen ist. Weiterlesen „Die Ost/West-Differenz – theoretische, biographische und historische Reflexionen zu einer ambivalenten und prägenden Unterscheidung“

Unterkomplexität – oder: Die Verwechslung der „großen“ mit der „kleinen“ Gesellschaft

Die aktuelle Debatte um die so genannte Integration von Menschen, die auf der Flucht sind, in europäische Länder migrieren, birgt die Gefahr, dass wir die Gesellschaft und die in ihr sich vollziehenden sozialen Prozesse in ungemessener Weise vereinfachen. In der aktuellen Debatte erleben wir eine Unterkomplexität, die für die Kommunikation der Massenmedien sicherlich nicht untypisch ist, die aber in politischen Diskursen gefährlich werden kann. Zumindest die Sozialwissenschaft sollte dagegen halten, um mit ihren Erkenntnissen aus Theoriebildung und empirischer Forschung zur Komplexitätsanreicherung der öffentlichen und politischen Meinungen beizutragen. Im Folgenden soll ein solcher (bescheidener) Versuch unternommen werden. Weiterlesen „Unterkomplexität – oder: Die Verwechslung der „großen“ mit der „kleinen“ Gesellschaft“

Von den Klischees zur Reflexion: Was ist Soziale Arbeit?

Dieser Beitrag wurde zuerst publiziert in: SMILE. Zeitschrift der Fachhochschule Potsdam, Dezember 2015, S. 36 f. Er ist als Antwort auf an der Hochschule geäußerte Klischees bezüglich der Sozialen Arbeit zu verstehen. Weiterlesen „Von den Klischees zur Reflexion: Was ist Soziale Arbeit?“

Komplexität gestalten! Fragen und Antworten zu meinem neuen Buch

Heiko Kleve (2016): Komplexität gestalten. Soziale Arbeit und Case-Management mit unsicheren Systemen. Heidelberg: Carl-Auer.

Ab März im Buchhandel!

Oder über: http://www.carl-auer.de/programm/artikel/titel/komplexitaet-gestalten Weiterlesen „Komplexität gestalten! Fragen und Antworten zu meinem neuen Buch“

Die Wiederentdeckung der Familie

Zuerst publiziert in: Lampenfieber, Staatstheater Cottbus, Nr. 29, 2011, S. 2.

Es ist gar nicht lange her, da wurde in den Sozialwissenschaften über den Abgang der Familie schwadroniert. Die Familie, so hieß es, sei ein Auslaufmodell. Immer weniger Menschen würden den Bund der Ehe eingehen, ein Leben lang zusammen leben und Kinder zeugen wollen. Außerdem steige die Zahl der Scheidungen kontinuierlich. Dass diese Feststellungen keineswegs falsch sind, zeigt bereits ein oberflächlicher Blick in die Statistiken. Dennoch kann daraus nicht geschlussfolgert werden, dass die Familie aufhöre zu existieren. Das Gegenteil ist eher der Fall: Familien vervielfältigen sich. Durch Scheidungen und das anschließende Neugründen von Partnerschaften entstehen neuartige familiäre Formen, so genannte Patchwork-Familien. Außerdem ist Familie mehr als der Alltagsverstand gemeinhin wahrhaben will, nämlich ein besonderes System. Dass dies so ist, können wir insbesondere dann sehen, wenn wir den gesellschaftlichen Rahmen betrachten, in dem sich Familie heutzutage vollzieht. Weiterlesen „Die Wiederentdeckung der Familie“

Nachhaltige Implementierung neuer Konzepte – acht (systemische) Thesen

  1. Die Einführung neuer Modelle in Organisationen geht zumeist mit der Benennung und Diskussion triftiger und schlagkräftiger inhaltlicher Gründe einher. Diese Gründe werden häufig von der Mehrheit der politisch und fachlich Verantwortlichen geteilt. Wie Gründe von „der Basis“, von den ausführenden Fachkräften gesehen werden, ist nicht immer ganz klar; hier ist zumeist eine Vielfalt von Bewertungen (von deutlicher Befürwortung bis klarer Ablehnung) beobachtbar.
  2. Die Einführung neuer Modelle fordert sowohl Organisationen (als soziale Systeme) als auch Personen (die Fachkräfte/Mitarbeiter/innen und die verantwortlichen Leitungskräfte) stark heraus. Denn lieb gewonnene Routine, etablierte Abläufe, eingespielte Prozesse und stabile Strukturen werden nun in Frage gestellt, d.h. mit Veränderungszumutungen konfrontiert.
  3.  Veränderung stößt bei Systemen, sowohl bei personalen als auch bei sozialen, zunächst auf „Widerstand“. Systeme haben ein natürliches „Beharrungsvermögen“, sie verteidigen das Etablierte, das Bekannte, das Eingespielte.
  4.  Veränderung geht in sozialen Systemen, die als nicht-triviale Systeme (in ihren Entwicklungen nicht eindeutig steuerbare Systeme) verstanden werden können, nicht geradlinig und unvorhersehbar einher. Veränderung ist in diesem Sinne per se kreativ: Sie produziert möglicherweise dort Modifikationen, wo die Verhältnisse stabil bleiben und stabilisiert Zustände, wo sich diese wandeln sollten. Kurz: Veränderungsbemühungen sind in der Regel nur begrenzt planbar und zeigen zahlreiche ungewollte Nebenfolgen.
  5. Organisationen sind intern differenzierte Gebilde. Sie bestehen beispielsweise aus einer Leitung und einer Basis. Gehen Veränderungsbestrebungen einseitig von einer dieser differenzierten Bereiche aus, und zwar in der Weise, dass verlangt wird, dass sich vor allem die jeweils Anderen verändern sollen, erhöht dies zumeist die Widerstände derer, von denen Wandlung erwartet wird.
  6. Die Wahrscheinlichkeit, dass Veränderung, dass die Einführung neuer Modelle gelingt, erhöht sich, wenn alle an dem Prozess Beteiligten (sowohl die Leitung als auch die Basis) davon ausgehen, dass sie sich selbst ebenfalls verändern werden/müssen. Veränderung in sozialen Systemen ist nie einseitig, sie ist eher zirkulär: Sie wirkt auf diejenigen zurück, die verändern wollen/sollen.
  7. Die Wahrscheinlichkeit von erfolgreicher Veränderung steigt, wenn die Prozessverantwortlichen statt eines autoritären Veränderungsmodells ein kooperativ-dialogisches Konzept vertreten. Ein solches Konzept weiß um die benannte Zirkularität von Veränderungsprozessen. Es fordert schließlich Verfahren heraus, die allen Beteiligten die Einbindung in die Planung und Gestaltung des Veränderungsprozesses ermöglicht.
  8. Die Prozessverantwortlichen können Veränderungsprozesse sinnvoll rahmen und gestalten, wenn sie die sechs folgenden Regeln beachten (in Anlehnung an systemische Metaprinzipien und Grundannahmen von Matthias Varga von Kibéd und Insa Sparrer):
    • Veränderung ist ein Prozess der (zirkulären) Gegenseitigkeit: Wer verändern will, der muss selbst bereit sein, sich zu wandeln! (Regel der Reziprozität.)
    • Veränderung ist ein Prozess, der voraussetzt, dass alle maßgeblichen Akteure einbezogen werden: Wer verändern will, der muss bereit sein, alle zu beteiligen, die von der Veränderung betroffen sein werden. (Regel der Mitgliedschaft.)
    • Veränderung ist ein Prozess, der voraussetzt, dass besonders diejenigen mit ihren Meinungen, Sichtweisen und vor allem Erfahrungen beachtet werden, die im zu verändernden System die vergleichsweise längste Mitgliedschaft zeigen: Wer verändern will, der muss wissen, dass sich Neues nur auf den Füßen des Alten aufbauen lässt. (Regel vom Vorrang des Früheren vor dem Späteren – innerhalb von Systemen.)
    • Veränderung ist ein Prozess, der die Schaffung neuer Strukturen erfordert – zunächst einmal von Strukturen, die die Veränderung anbahnen, durchführen und begleiten: Wer verändern will, der muss bereit sein, die neuen gegenüber den alten Strukturen zu präferieren. (Regel vom Vorrang des Neueren vor dem Älteren – zwischen Systemen.)
    • Veränderung ist ein Prozess, der den Einsatz individueller Leistungen erfordert. Je mehr individuelle Leistungen der Einzelnen dem Veränderungsprozess stützen, desto nachhaltiger wirkt sich dieser aus: Wer verändern will, der muss bereit sein, die Leistungen bzw. den Einsatz der Einzelnen zur Veränderung zu akzeptieren, zu sehen und zu würdigen. (Regel von der Wertschätzung der Einzelleistungen bzw. des Einsatzes.)
    • Veränderung ist ein Prozess, der das Einbringen individueller Fähigkeiten erfordert. Je mehr individuelle und spezifische Fähigkeiten der Einzelnen den Veränderungsprozess stützen, desto nachhaltiger wirkt sich dieser aus: Wer verändern will, der muss bereit sein, die Fähigkeiten der Einzelnen zur Veränderung zu akzeptieren, zu sehen und zu würdigen. (Regel von der Wertschätzung der Fähigkeiten.)

 

 

 

 

 

Psycho-soziale Diagnostik aus systemisch-konstruktivistischer Sicht – sechs Thesen

  1. Wirklichkeiten werden in psychischen und sozialen Systemen durch die Operation des Unterscheidens konstruiert (George Spencer-Brown, Gregory Bateson). Unterschieden wird zumeist innerhalb der Sprache, durch das Beschreiben, Erklären und Bewerten (Fritz B. Simon).
  2. Der klassische methodische Dreischritt helfender Professionen (Anamnese, Diagnose, Behandlung) ist ein Prozess der Konstruktion von – vor allem durch Symptome, Krankheiten, Probleme gekennzeichneten – Wirklichkeit(en).
  3. Während der Anamnese werden relevante Ereignisse der Gegenwart und der Vergangenheit zunächst von anderen, eben nicht relevanten Ereignissen unterschieden und sodann beschrieben. Während der Diagnose werden die Symptome bzw. die Probleme mit den in der Anamnese beschriebenen Ereignissen in Beziehung zueinander gesetzt, um die Symptome bzw. Probleme zu erklären, also bestenfalls hinsichtlich ihrer Ursachen zu verstehen. Während der Behandlung wird schließlich ausgehend von der Anamnese/Beschreibung und Diagnose/Erklärung eine Therapie vorgeschlagen bzw. realisiert.
  4. Anamnese, Diagnose und Behandlung sind Prozesse, die die Aktivität des Unterscheidens bzw. Beschreibens, Erklärens und Bewertens von Beobachtern voraussetzen; sie laufen nicht nur auf der Seite der Professionellen, sondern auch auf der Seite der Nutzer psycho-sozialer Hilfen aktiv ab.
  5. Der beschriebene Prozess des Diagnostizierens führt dazu, dass ganz bestimmte Wirklichkeiten – sowohl auf der Seite der Nutzer als auch auf der Seite der Professionellen – entstehen. Die systemisch-konstruktivistische Frage ist, um was für Wirklichkeiten es sich dabei handelt und ob diese gegebenenfalls umkonstruiert werden könnten – bestenfalls so, dass brauchbarere, passendere Konstruktionen für die Lösung der Probleme der Nutzer entstehen.
  6. Es liegt in der Verantwortung der Professionellen, gemeinsam mit den Nutzern solche Diagnosen zu konstruieren, die einen effektiven Hilfeprozess ermöglichen. Jede Festschreibung (Verdinglichung und Chronifizierung) von Krankheiten und Problemen sollte vermieden werden. Die Möglichkeit, dass alles immer auch anders beschrieben, erklärt und bewertet werden kann, sollte in der „diagnostischen“ Haltung der Professionellen permanent zum Ausdruck kommen.