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Psycho-soziale Diagnostik aus systemisch-konstruktivistischer Sicht – sechs Thesen

  1. Wirklichkeiten werden in psychischen und sozialen Systemen durch die Operation des Unterscheidens konstruiert (George Spencer-Brown, Gregory Bateson). Unterschieden wird zumeist innerhalb der Sprache, durch das Beschreiben, Erklären und Bewerten (Fritz B. Simon).
  2. Der klassische methodische Dreischritt helfender Professionen (Anamnese, Diagnose, Behandlung) ist ein Prozess der Konstruktion von – vor allem durch Symptome, Krankheiten, Probleme gekennzeichneten – Wirklichkeit(en).
  3. Während der Anamnese werden relevante Ereignisse der Gegenwart und der Vergangenheit zunächst von anderen, eben nicht relevanten Ereignissen unterschieden und sodann beschrieben. Während der Diagnose werden die Symptome bzw. die Probleme mit den in der Anamnese beschriebenen Ereignissen in Beziehung zueinander gesetzt, um die Symptome bzw. Probleme zu erklären, also bestenfalls hinsichtlich ihrer Ursachen zu verstehen. Während der Behandlung wird schließlich ausgehend von der Anamnese/Beschreibung und Diagnose/Erklärung eine Therapie vorgeschlagen bzw. realisiert.
  4. Anamnese, Diagnose und Behandlung sind Prozesse, die die Aktivität des Unterscheidens bzw. Beschreibens, Erklärens und Bewertens von Beobachtern voraussetzen; sie laufen nicht nur auf der Seite der Professionellen, sondern auch auf der Seite der Nutzer psycho-sozialer Hilfen aktiv ab.
  5. Der beschriebene Prozess des Diagnostizierens führt dazu, dass ganz bestimmte Wirklichkeiten – sowohl auf der Seite der Nutzer als auch auf der Seite der Professionellen – entstehen. Die systemisch-konstruktivistische Frage ist, um was für Wirklichkeiten es sich dabei handelt und ob diese gegebenenfalls umkonstruiert werden könnten – bestenfalls so, dass brauchbarere, passendere Konstruktionen für die Lösung der Probleme der Nutzer entstehen.
  6. Es liegt in der Verantwortung der Professionellen, gemeinsam mit den Nutzern solche Diagnosen zu konstruieren, die einen effektiven Hilfeprozess ermöglichen. Jede Festschreibung (Verdinglichung und Chronifizierung) von Krankheiten und Problemen sollte vermieden werden. Die Möglichkeit, dass alles immer auch anders beschrieben, erklärt und bewertet werden kann, sollte in der „diagnostischen“ Haltung der Professionellen permanent zum Ausdruck kommen.

 

Söhne ohne Perspektive und Kapitalismusmangel

Zwei eher marginalisierte Erklärungen für Terror und Krieg

Angesichts des Terrors des „Islamischen Staates“ (IS) wird zumeist als Ursache eine bestimmte, besonders radikale und extremistische Auslegung der Religion, des Islams herangezogen. Dieser Erklärung sollen hier zwei alternative Thesen gegenüber gestellt werden. Zuvor wird jedoch noch festgehalten, dass auch die so genannten Islamisten die Religion lediglich als psychische Rationalisierung ihres Tuns benutzen, das genauer betrachtet anderen, nicht-religiösen, den Akteuren selbst nicht bewussten sozialen Dynamiken folgt. Zwei dieser Dynamiken, die sich als besonders stark erweisen, sind erstens: die Perspektivlosigkeit von Söhnen in den kinderreichen Familien außerhalb Europas und zweitens: die Exklusion dieser Söhne aus den wirtschaftlichen Kreisläufen des westlichen Kapitalismus. Weiterlesen „Söhne ohne Perspektive und Kapitalismusmangel“