Blog

Nachhaltige Implementierung neuer Konzepte – acht (systemische) Thesen

  1. Die Einführung neuer Modelle in Organisationen geht zumeist mit der Benennung und Diskussion triftiger und schlagkräftiger inhaltlicher Gründe einher. Diese Gründe werden häufig von der Mehrheit der politisch und fachlich Verantwortlichen geteilt. Wie Gründe von „der Basis“, von den ausführenden Fachkräften gesehen werden, ist nicht immer ganz klar; hier ist zumeist eine Vielfalt von Bewertungen (von deutlicher Befürwortung bis klarer Ablehnung) beobachtbar.
  2. Die Einführung neuer Modelle fordert sowohl Organisationen (als soziale Systeme) als auch Personen (die Fachkräfte/Mitarbeiter/innen und die verantwortlichen Leitungskräfte) stark heraus. Denn lieb gewonnene Routine, etablierte Abläufe, eingespielte Prozesse und stabile Strukturen werden nun in Frage gestellt, d.h. mit Veränderungszumutungen konfrontiert.
  3.  Veränderung stößt bei Systemen, sowohl bei personalen als auch bei sozialen, zunächst auf „Widerstand“. Systeme haben ein natürliches „Beharrungsvermögen“, sie verteidigen das Etablierte, das Bekannte, das Eingespielte.
  4.  Veränderung geht in sozialen Systemen, die als nicht-triviale Systeme (in ihren Entwicklungen nicht eindeutig steuerbare Systeme) verstanden werden können, nicht geradlinig und unvorhersehbar einher. Veränderung ist in diesem Sinne per se kreativ: Sie produziert möglicherweise dort Modifikationen, wo die Verhältnisse stabil bleiben und stabilisiert Zustände, wo sich diese wandeln sollten. Kurz: Veränderungsbemühungen sind in der Regel nur begrenzt planbar und zeigen zahlreiche ungewollte Nebenfolgen.
  5. Organisationen sind intern differenzierte Gebilde. Sie bestehen beispielsweise aus einer Leitung und einer Basis. Gehen Veränderungsbestrebungen einseitig von einer dieser differenzierten Bereiche aus, und zwar in der Weise, dass verlangt wird, dass sich vor allem die jeweils Anderen verändern sollen, erhöht dies zumeist die Widerstände derer, von denen Wandlung erwartet wird.
  6. Die Wahrscheinlichkeit, dass Veränderung, dass die Einführung neuer Modelle gelingt, erhöht sich, wenn alle an dem Prozess Beteiligten (sowohl die Leitung als auch die Basis) davon ausgehen, dass sie sich selbst ebenfalls verändern werden/müssen. Veränderung in sozialen Systemen ist nie einseitig, sie ist eher zirkulär: Sie wirkt auf diejenigen zurück, die verändern wollen/sollen.
  7. Die Wahrscheinlichkeit von erfolgreicher Veränderung steigt, wenn die Prozessverantwortlichen statt eines autoritären Veränderungsmodells ein kooperativ-dialogisches Konzept vertreten. Ein solches Konzept weiß um die benannte Zirkularität von Veränderungsprozessen. Es fordert schließlich Verfahren heraus, die allen Beteiligten die Einbindung in die Planung und Gestaltung des Veränderungsprozesses ermöglicht.
  8. Die Prozessverantwortlichen können Veränderungsprozesse sinnvoll rahmen und gestalten, wenn sie die sechs folgenden Regeln beachten (in Anlehnung an systemische Metaprinzipien und Grundannahmen von Matthias Varga von Kibéd und Insa Sparrer):
    • Veränderung ist ein Prozess der (zirkulären) Gegenseitigkeit: Wer verändern will, der muss selbst bereit sein, sich zu wandeln! (Regel der Reziprozität.)
    • Veränderung ist ein Prozess, der voraussetzt, dass alle maßgeblichen Akteure einbezogen werden: Wer verändern will, der muss bereit sein, alle zu beteiligen, die von der Veränderung betroffen sein werden. (Regel der Mitgliedschaft.)
    • Veränderung ist ein Prozess, der voraussetzt, dass besonders diejenigen mit ihren Meinungen, Sichtweisen und vor allem Erfahrungen beachtet werden, die im zu verändernden System die vergleichsweise längste Mitgliedschaft zeigen: Wer verändern will, der muss wissen, dass sich Neues nur auf den Füßen des Alten aufbauen lässt. (Regel vom Vorrang des Früheren vor dem Späteren – innerhalb von Systemen.)
    • Veränderung ist ein Prozess, der die Schaffung neuer Strukturen erfordert – zunächst einmal von Strukturen, die die Veränderung anbahnen, durchführen und begleiten: Wer verändern will, der muss bereit sein, die neuen gegenüber den alten Strukturen zu präferieren. (Regel vom Vorrang des Neueren vor dem Älteren – zwischen Systemen.)
    • Veränderung ist ein Prozess, der den Einsatz individueller Leistungen erfordert. Je mehr individuelle Leistungen der Einzelnen dem Veränderungsprozess stützen, desto nachhaltiger wirkt sich dieser aus: Wer verändern will, der muss bereit sein, die Leistungen bzw. den Einsatz der Einzelnen zur Veränderung zu akzeptieren, zu sehen und zu würdigen. (Regel von der Wertschätzung der Einzelleistungen bzw. des Einsatzes.)
    • Veränderung ist ein Prozess, der das Einbringen individueller Fähigkeiten erfordert. Je mehr individuelle und spezifische Fähigkeiten der Einzelnen den Veränderungsprozess stützen, desto nachhaltiger wirkt sich dieser aus: Wer verändern will, der muss bereit sein, die Fähigkeiten der Einzelnen zur Veränderung zu akzeptieren, zu sehen und zu würdigen. (Regel von der Wertschätzung der Fähigkeiten.)

 

 

 

 

 

Psycho-soziale Diagnostik aus systemisch-konstruktivistischer Sicht – sechs Thesen

  1. Wirklichkeiten werden in psychischen und sozialen Systemen durch die Operation des Unterscheidens konstruiert (George Spencer-Brown, Gregory Bateson). Unterschieden wird zumeist innerhalb der Sprache, durch das Beschreiben, Erklären und Bewerten (Fritz B. Simon).
  2. Der klassische methodische Dreischritt helfender Professionen (Anamnese, Diagnose, Behandlung) ist ein Prozess der Konstruktion von – vor allem durch Symptome, Krankheiten, Probleme gekennzeichneten – Wirklichkeit(en).
  3. Während der Anamnese werden relevante Ereignisse der Gegenwart und der Vergangenheit zunächst von anderen, eben nicht relevanten Ereignissen unterschieden und sodann beschrieben. Während der Diagnose werden die Symptome bzw. die Probleme mit den in der Anamnese beschriebenen Ereignissen in Beziehung zueinander gesetzt, um die Symptome bzw. Probleme zu erklären, also bestenfalls hinsichtlich ihrer Ursachen zu verstehen. Während der Behandlung wird schließlich ausgehend von der Anamnese/Beschreibung und Diagnose/Erklärung eine Therapie vorgeschlagen bzw. realisiert.
  4. Anamnese, Diagnose und Behandlung sind Prozesse, die die Aktivität des Unterscheidens bzw. Beschreibens, Erklärens und Bewertens von Beobachtern voraussetzen; sie laufen nicht nur auf der Seite der Professionellen, sondern auch auf der Seite der Nutzer psycho-sozialer Hilfen aktiv ab.
  5. Der beschriebene Prozess des Diagnostizierens führt dazu, dass ganz bestimmte Wirklichkeiten – sowohl auf der Seite der Nutzer als auch auf der Seite der Professionellen – entstehen. Die systemisch-konstruktivistische Frage ist, um was für Wirklichkeiten es sich dabei handelt und ob diese gegebenenfalls umkonstruiert werden könnten – bestenfalls so, dass brauchbarere, passendere Konstruktionen für die Lösung der Probleme der Nutzer entstehen.
  6. Es liegt in der Verantwortung der Professionellen, gemeinsam mit den Nutzern solche Diagnosen zu konstruieren, die einen effektiven Hilfeprozess ermöglichen. Jede Festschreibung (Verdinglichung und Chronifizierung) von Krankheiten und Problemen sollte vermieden werden. Die Möglichkeit, dass alles immer auch anders beschrieben, erklärt und bewertet werden kann, sollte in der „diagnostischen“ Haltung der Professionellen permanent zum Ausdruck kommen.

 

Söhne ohne Perspektive und Kapitalismusmangel

Zwei eher marginalisierte Erklärungen für Terror und Krieg

Angesichts des Terrors des „Islamischen Staates“ (IS) wird zumeist als Ursache eine bestimmte, besonders radikale und extremistische Auslegung der Religion, des Islams herangezogen. Dieser Erklärung sollen hier zwei alternative Thesen gegenüber gestellt werden. Zuvor wird jedoch noch festgehalten, dass auch die so genannten Islamisten die Religion lediglich als psychische Rationalisierung ihres Tuns benutzen, das genauer betrachtet anderen, nicht-religiösen, den Akteuren selbst nicht bewussten sozialen Dynamiken folgt. Zwei dieser Dynamiken, die sich als besonders stark erweisen, sind erstens: die Perspektivlosigkeit von Söhnen in den kinderreichen Familien außerhalb Europas und zweitens: die Exklusion dieser Söhne aus den wirtschaftlichen Kreisläufen des westlichen Kapitalismus. Weiterlesen „Söhne ohne Perspektive und Kapitalismusmangel“

Marxismus, Neoliberalismus und Systemtheorie

Essay über zwei Seiten einer Medaille, den Medaillenrand und Soziale Arbeit

Es gibt zwei sozialphilosophische Anschauungen über den Charakter der modernen Gesellschaft, die als äußerst gegensätzlich gelten, die aber dennoch in einem Punkt einig sind, nämlich darin, dass die Ökonomie die bestimmende gesellschaftliche Kraft sei. Diese Anschauungen sollen hier vereinfachend als „Marxismus“ und „Neoliberalismus“ bezeichnet werden – vereinfachend ist dies deshalb, weil es weder den Marxismus noch den „Neoliberalismus“ gibt. Beide Begriffe zirkulieren für eine Vielzahl von Gesellschaftsbeschreibungen, die entweder als Kritik der herrschenden ökonomischen Verhältnisse daher kommen („Marxismus“) oder die eine weitere Ausweitung der ökonomischen Strukturlogiken des Kapitalismus einfordern („Neoliberalismus“). Beide Perspektiven vereint jedoch die These, dass es in der Gesellschaft vor allem um wirtschaftliche Verhältnisse geht, dass vorrangig die Ökonomie das Leben der Menschen bestimme. Weiterlesen „Marxismus, Neoliberalismus und Systemtheorie“

Ökonomie Sozialer Arbeit und komplexer Liberalismus – ein Gespräch

Dieses Gespräch entstand anlässlich meines Beitrags „Die Wirtschaft der Sozialen Arbeit“ (in: Soziale Arbeit, Heft 4/2015, http://www.dzi.de/dzi-institut/verlag/soziale-arbeit/soziale-arbeit-jahrgange/archiv2015/?heftid=119) und der darauf folgenden Antwort von Mechthild Seithe zur „Vermarktung der Sozialen Arbeit“ (in: Soziale Arbeit, Heft 7/2015, http://www.dzi.de/dzi-institut/verlag/soziale-arbeit/aktuelle-ausgabe/). Weiterlesen „Ökonomie Sozialer Arbeit und komplexer Liberalismus – ein Gespräch“