Kritische Soziale Arbeit 3.0 – oder: für eine Neubestimmung der Verhältnisse zur Politik, zum Recht und zur Ökonomie

Die Kritische Soziale Arbeit 3.0 wollen wir als eine Kritik verstehen, die sich an der normativen Ausrichtung Sozialer Arbeit orientiert. Diese Ausrichtung, die Timo Ackermann eingehend beschrieben hat und anhand von unterschiedlichen theoretischen Reflexionen und gesetzlichen Grundlagen Sozialer Arbeit aufzeigt,[1] wird sichtbar in methodischen, ethischen und rechtlichen Prinzipien Sozialer Arbeit und meint die sozialprofessionelle Verpflichtung, „auf die Stärkung der Entscheidungsfähigkeit ihrer Klienten und die Beförderung ihrer Selbsthilfekräfte hinzuwirken“.[2] Daher soll professionelle Hilfe „nie die Generierung einer Situation meinen, die eine Partei dauerhaft von der anderen, der helfenden Partei, abhängig macht“.[3] So kann klar geschlussfolgert werden, dass professionelle Helferinnen und Helfer, wollen sie Abhängigkeiten vermeiden, dafür sorgen müssen, so zu helfen, dass die Klientinnen und Klienten unabhängig von ihnen werden können. „Der Helfer muss sich für seine Klienten unnütz machen, er muss seinen Klienten ermöglichen, sich selbst zu helfen“.[4]

Ausgehend von der normativen Ausrichtung Sozialer Arbeit meint Kritische Soziale Arbeit 3.0 vor allem Selbstkritik des sozialarbeiterischen Systems, und dies aus zweierlei Gründen: Zum einen gehen wir mit der Theorie selbstreferentieller Systeme davon aus,[5] dass Systeme sich nur durch eigene Operationen verändern können, dass Veränderung letztlich Selbstveränderung ist. Und zum anderen richtet sich damit die Kritik der Kritischen Sozialen Arbeit 3.0 auf das eigene System, auf die Soziale Arbeit selbst, die an ihren eigenen normativen Ansprüchen zu messen, zu bewerten ist und zu kritisieren ist.

Damit verabschieden wir uns auch von einer radikalen Gesellschaftskritik, die die Kritische Soziale Arbeit 1.0 und 2.0 vertreten und die vor allem gegen das kapitalistische System gerichtet ist. Im Gegensatz dazu gehen wir mit der systemtheoretischen Evolutionstheorie[6] davon aus, dass wir nicht (mehr) in einer kapitalistischen, sondern in einer funktional differenzierten Gesellschaft leben, die am ehesten mit einer Sozialtheorie reflektiert und verstanden werden kann, die als „neuer Liberalismus“ bezeichnet werden könnte.[7] Dieser Liberalismus anerkennt und verteidigt die Freiheit der funktional ausdifferenzierten Gesellschaftssysteme wie Wissenschaft, Pädagogik, Recht, Politik, Wirtschaft, Kunst, Religion, Massenmedien, Soziale Arbeit etc., sieht aber auch deren wechselseitige Abhängigkeiten und notwendigen Abstimmungsprozesse. Gerichtet ist dieser neue Liberalismus gegen die Sehnsucht nach Einheitsperspektiven, ganzheitlichen Blicken, die suggerieren, dass wir die gesamte Gesellschaft aus einer „richtigen“ Perspektive in den Blick bringen oder eine gemeinsame Kollektividentität erzeugen könnten.

Demnach offenbart sich die Gesellschaft als eine differenzierte Struktur, die sich aus unterschiedlichen Spezialperspektiven, separierten Logiken zusammensetzt, die eigenständigen Funktionen folgen, die zwar auf die gesamte Gesellschaft ausgerichtet sind, die jedoch nur lose zusammen gebunden sind. Es ist ein Ergebnis der sozialen Evolution, dass wir in einer Gesellschaft leben, die hinsichtlich ihrer Subsysteme Freiheiten der dynamischen Selbstentfaltung zulässt. Wissenschaft, Politik, Recht, Wirtschaft, Religion, Pädagogik, Massenmedien oder Soziale Arbeit sind voneinander getrennte Systeme, die ihren eigenen Perspektiven, Logiken und Funktionen folgen und von den jeweils anderen Systemen zwar mit Ressourcen versorgt werden, aber sich nicht gegenseitig determinieren oder steuern können. Alle diese Systeme setzen sich jeweils Rahmenbedingungen, die sie für ihr eigenes Funktionieren benötigen. In ihrem eigenen Funktionieren jedoch sind sie in der dynamischen und nicht determinierbaren Entfaltung ihrer Spezialperspektiven und -logiken frei.

Für die Soziale Arbeit heißt dies, dass professionelles Helfen einerseits spezifischen eigenen Logiken folgt, etwa normativ auf die Hilfe zur Selbsthilfe ausgerichtet ist. Dass sie jedoch andererseits hinsichtlich der Erfüllung ihrer normativen Funktion von den Rahmenbedingungen und Ressourcen geprägt wird, die insbesondere die Politik, das Recht und die Wirtschaft durch die Ausfüllung ihrer Spezialfunktionen bereitstellen.

Genau an dieser Stelle setzt die Kritische Soziale Arbeit 3.0 ihre Kritik an. Die Ausbalancierung der Freiheit der Sozialen Arbeit hinsichtlich der Erfüllung ihrer Funktion (der Hilfe zur individuellen Autonomie und lebensweltlichen Selbstorganisation) mit der Angewiesenheit auf die Bereitstellung der Ressourcen anderer Systeme, insbesondere aus Politik, Recht und Wirtschaft erscheint kritik- und damit optimierungsbedürftig. Dieser Optimierungsbedarf wird etwa dadurch sichtbar, dass Soziale Arbeit, gerade weil sie stark von politischen, rechtlichen und wirtschaftlichen Einflussgrößen abhängig ist, die erfolgreiche Realisierung ihrer normativen Funktion systematisch verfehlt.[8] Professionelle Hilfe führt zu häufig zu Abhängigkeitsbeziehungen, zur Verstetigung von Hilfsbedürftigkeit, zur Verfestigung von psychosozialen Problemlagen. Diese strukturelle Ambivalenz[9] sichert dem sozialarbeiterischen System zwar seine Nutzerinnen und Nutzer, unterminiert jedoch die erfolgreiche Realisierung seiner Zielstellung.

Verhältnis Soziale Arbeit und Politik

Das Verhältnis von Sozialer Arbeit und Politik sichert zwar das Sozialstaatsgebot, sorgt für die Generierung und Etablierung sozialpolitischer Prämissen und sozialrechtlicher Regeln zur Bereitstellung sozialarbeiterischer Leistungen, bindet jedoch das System der Sozialen Arbeit eng an staatliche Institutionen mit ihren Regulierungs- und Steuerungsbemühungen sowie mit dem staatlichen Gewaltmonopol. Warum sonst wird die Soziale Arbeit, etwa der Jugend-, Sozial- und Gesundheitsämter sowie der Arbeitsagentur von ihren Nutzerinnen und Nutzer immer noch verwechselt mit polizeilichen Maßnahmen der Kontrolle von Norm und Abweichung?

Je enger die Soziale Arbeit mit staatlichen Organisationen verquickt ist, desto weniger wird der Dienstleistungscharakter deutlich, den die Soziale Arbeit sich selbst zuschreibt. Daher könnte es durchaus passend sein und aus kritischer Perspektive gefordert werden, dass sich Soziale Arbeit intensiver als bisher von der staatlichen Politik emanzipiert. Provozierend könnten wir gar formulieren, dass Soziale Arbeit nicht stärker politisch agieren sollte, wie gemeinhin in der Kritischen Sozialen Arbeit 2.0 postuliert wird, sondern weitaus weniger. Soziale Arbeit sollte weniger als politisch kämpfende, sondern als unabhängige und professionell wirkende Dienstleistung konstituiert werden.

Auch die staatliche Finanzierung Sozialer Arbeit kann  diesbezüglich kritisch befragt werden. Über staatliche Steuereinnahmen werden zwar die Organisationen der Sozialen Arbeit, sowohl die öffentlichen als auch die freien Träger über Fachleistungsstunden und Tagessätze oder über Zuwendungen mit Geld versorgt. Dies geht jedoch häufig einher mit problematischen Wirtschaftlichkeitsprämissen, die ökonomische, speziell marktwirtschaftliche Dynamiken zwar zu simulieren versuchen, letztlich aber auf eine striktere Verstaatlichung der Sozialen Arbeit hinauslaufen.[10] Über die vermeintlich effiziente Zuteilung von Geld versucht der Staat, die Soziale Arbeit nach seinen Prinzipien zu regulieren und in die eigendynamische Logik professionellen Helfens einzugreifen. Allzu häufig hat dieses Eingreifen nichts anderes im Sinn als die staatlichen Haushalte, die Kassen des Bundes, der Länder und der Kommunen zu entlasten.

Diese staatliche Sparpolitik wird von der Kritischen Sozialen Arbeit 2.0 als neoliberale oder marktwirtschaftliche Ökonomisierung kritisiert und abgelehnt. Allerdings zeigt sich hier keine „Vermarktwirtschaftlichung“ der Sozialen Arbeit, sondern ein massiver Eingriffsversuch des politischen Funktionssystems der Gesellschaft in die Eigenlogik professionellen Helfens.

Birger Priddat[11] beschreibt diese vermeintliche Ökonomisierung für den Hochschulbereich in einer Weise, wie wir dies durchaus ebenfalls in der Sozialen Arbeit beobachten können. Demnach offenbart sich hier mitnichten die Wirtschaft als das übergriffige System, sondern das politische, der Staat mit seinen Steuerungsbemühungen und Regulierungsversuchen mittels des Mediums Geld. Staatliche Sparmaßnahmen, ob im Bildungsbereich oder in der Sozialen Arbeit, sind „keine rein ökonomischen Operationen, obwohl sie verwaltungstechnisch so gehandhabt werden, sondern Effekte der Staatsverschuldungen, die die öffentlichen Güter minimieren. […] Diese Verwaltungspolitik wird als ‚Ökonomisierung‘ ausgegeben, um an Effizienznarrative anzuknüpfen, die faktisch nicht bedient werden. […] Es geht gar nicht um Management […], sondern um eine kostenreduktive Verwaltung“.[12] Zudem führt diese staatliche Pseudo-Ökonomisierung zu einem massiven Ausbau von Bürokratie, zur Expansion der verwalteten Welt und der bürokratischen Kolonialisierung der Lebenswelten.[13]

Verhältnis Soziale Arbeit und Recht 

Das Verhältnis von Sozialer Arbeit und Recht ist förderlich für die Soziale Arbeit, wo es um die Durchsetzung von Rechtsansprüchen hinsichtlich der professionellen Hilfe für Nutzerinnen und Nutzer geht sowie um die Einforderung der (professionellen) Hilfe zur (lebensweltlichen) Selbsthilfe auch als juristische Norm. Das Recht ist jedoch dort hinderlich, wo rechtliche Regelungen in der Trägheit ihrer Anpassung an veränderte gesellschaftliche Entwicklungen und Bedingungen sozialarbeiterische Innovationen eher erschweren als fördern. So begründen die Sozialgesetzbücher individuelle Rechtsansprüche, was mit der individuellen Finanzierung sozialarbeiterischer Leistungen einhergeht. Fachleistungsstunden und Tagessätze, etwa in den Hilfen zur Erziehung beziehen sich auf einzelne Individuen.

Derartige individuelle Rechtsansprüche verunmöglichen jedoch innovative Transformationen der Sozialen Arbeit, insbesondere die Umstellung der individuellen Fall- auf sozialräumliche Budgetfinanzierung.[14] Während die Fallfinanzierung eine individualisierte Problemzuschreibung voraussetzt, würde die sozialräumliche Budgetfinanzierung stärker fallunabhängiges und fallübergreifendes Soziales Arbeiten ermöglichen, um sozialstrukturelle Veränderungen in Städten, Stadtteilen und Gemeinden anzustreben, die bestenfalls dazu beitragen, soziale Rahmenbedingungen des Zusammenlebens so zu gestalten, dass die Ausprägung individueller Probleme wenn nicht gänzlich unterminiert, so doch unwahrscheinlicher wird.[15]

Neben der rechtlichen Festschreibung der individuumsbezogenen Finanzierung setzen die sozialrechtlichen Regelungen zumeist voraus, dass professionelles Helfen erst dann anlaufen kann, wenn personenbezogene Problem- und Defizitzuschreibungen erfolgt sind. Ressourcenorientiertes Arbeiten, das insbesondere die systemische Soziale Arbeit anstrebt, wird damit schwieriger. Ist erst einmal eine Defizitdiagnose oder ein entsprechendes Assessment erfolgt, beeinflusst dies nicht nur die Selbstbeschreibungen der Nutzerinnen und Nutzer Sozialer Arbeit. Auch unterschiedliche helfende Institutionen gruppieren sich um diese Defizite und Probleme, weil sie für deren Behebung bezahlt werden. So stellt sich die provozierende Frage, was die Organisationen mehr zur professionellen Hilfe motiviert, ihre finanzielle Absicherung, der staatliche Geldfluss, der über die Defizit- und Problemmarkierung sowie -bearbeitung realisiert wird, oder die nachhaltige Behebung der Defizite, die Lösung dieser Probleme.[16]

Auch hinsichtlich des Verhältnisses von Recht und Sozialer Arbeit können wir mit der Kritischen Sozialen Arbeit 3.0 mehr Abgrenzungs- und Autonomiebestrebungen der Sozialen Arbeit einfordern. Je unabhängiger die Soziale Arbeit von rechtlichen Regelungen agieren kann, desto selbstbestimmter könnte sie ihre Fachlichkeit, ihr ressourcenorientiertes und nicht nur individuums-, sondern sozialstrukturbezogenes Arbeiten umsetzen und weiter ausbauen. Freilich könnte eine andere Strategie sein, unermüdlich darum zu kämpfen, dass die Sozialgesetze der Ethik und Fachlichkeit Sozialer Arbeit anzugleichen sind und nicht umgekehrt die Soziale Arbeit einseitig den rechtlichen Dynamiken zu folgen hat.

Verhältnis Soziale Arbeit und Wirtschaft

Das Verhältnis von Sozialer Arbeit und Wirtschaft erscheint oft recht missverständlich, und zwar so, als ob sozialarbeiterische Organisationen sich einem Druck des wirtschaftlichen Funktionssystems zu beugen hätten. Wie bereits hinsichtlich des Verhältnisses von Sozialer Arbeit und Politik betont, können wir vielmehr eine zunehmende Verstaatlichung der Sozialen Arbeit beobachten, die mit einer expandierenden Bürokratisierung einhergeht. Zudem ist der staatlich gesteuerte Geldfluss in Richtung sozialarbeiterischer Organisationen derzeit so strukturiert, dass nicht die normative Funktion der Sozialen Arbeit, deren ethische und methodische Fachlichkeit der Autonomie- und Selbsthilfeförderung finanziell belohnt wird, sondern das Gegenteil: die Ausweitung der fallbezogenen Hilfe.

Denn insbesondere die freien sozialarbeiterischen Träger erhalten ihr Geld mit der Fallarbeit. Die finanzielle Absicherung der organisationsbezogenen Sozialen Arbeit ist mit der Problembearbeitung, nicht mit der Lösungskreation verkoppelt. Je intensiver und länger Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter an Problemen arbeiten, desto finanziell abgesicherter sind die Träger. Die ökonomischen Anreizstrukturen der Sozialen Arbeit laufen also ihren ethischen, methodischen und sozialrechtlichen Zielen entgegen. Daher ist es an der Zeit, die Finanzierungsstrukturen der Sozialen Arbeit grundsätzlich auf den Prüfstand zu stellen. Eine Kritische Soziale Arbeit 3.0 fordert Finanzierungsprinzipien, die der Ethik und methodischen Fachlichkeit entsprechen, die sozialarbeiterisches Agieren belohnen, das so schnell wie möglich die fallbezogene Beendigung der Sozialen Arbeit avisiert, und zwar aufgrund nachhaltig wirksamer Selbsthilfeförderung.

Des Weiteren könnte intensiv geprüft werden, wie die postulierte Kundenorientierung vom Etikettenschwindel zur Realität werden kann. Dies könnte gelingen durch eine Veränderung des sozialrechtlichen Leistungsdreiecks: Die staatlichen Leistungsträger transferieren die finanziellen Mittel zum Einkauf sozialarbeiterischer Leistungen direkt in Richtung der Leistungsberechtigten, etwa in Form von Gutscheinen für psycho-soziale Hilfedienstleistungen. Diese Gutscheine könnten bei öffentlichen und freien Trägern eingelöst werden, die die Gutscheine bei staatlichen Insititutionen, dem Bund, den Ländern oder den Kommunen schließlich wieder zur finanziellen Absicherung ihrer Organisation nutzen. Mit einem solchen System würde tatsächlich mehr Marktwirtschaft in die Soziale Arbeit geholt und ein Machtzugewinn für die Nutzerinnen und Nutzer spürbar. Die Träger müssten tatsächlich das an Leistungen anbieten, was ihre Kunden, die potentiellen Nutzerinnen und Nutzer Sozialer Arbeit einfordern, was sie letztlich nachfragen und in Anspruch nehmen wollen.

*

Kritische Soziale Arbeit 3.0, so könnten wir schlussfolgern, tritt für eine Kritik an den strukturellen Koppelungen, den Verhältnissen der Sozialen Arbeit zur Politik, zum Recht und zur Wirtschaft ein. Sie versucht, diese Verhältnisse so zu gestalten, dass die Soziale Arbeit in der Ausübung ihrer normativen Funktion autonomer wird und tatsächlich das mit höherer Wahrscheinlichkeit als bisher erreicht, was die Soziale Arbeit als gesellschaftliches System legitimiert: die Menschen bei der autonomen und selbstbestimmten Gestaltung ihres Lebens so zu unterstützen, dass Autonomie und Selbstbestimmung geschützt und gestärkt oder – bei Verlust – wieder gewonnen werden. Grundlage dieser Kritik ist ein liberales Menschen- und Gesellschaftsbild, das als höchstes moralisches Gut die Freiheit der Lebensgestaltung nach eigenen Maßstäben versteht bei gleichzeitiger Achtung gemeinschaftlicher Bindungen in den Lebenswelten und der gesellschaftlichen Arbeitsteilung bezüglich der Funktionssysteme und Organisationen.

Verweise

[1]Vgl. Ackermann, Timo (2007): Fallstricke Sozialer Arbeit. Systemtheoretische, psychoanalytische und marxistische Perspektiven. Heidelberg: Carl-Auer.

[2]Ebd. S. 16.

[3]Ebd.

[4]Ebd.

[5]Vgl. paradigmatisch Luhmann, Niklas (1984): Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie. Frankfurt/M.: Suhrkamp.

[6]Vgl. Luhmann, Niklas (1997): Die Gesellschaft der Gesellschaft. 2 Bände. Frankfurt/M.: Suhrkamp.

[7] Nassehi, Armin (2015): Die letzte Stunde der Wahrheit. Warum rechts und links keine Alternativen mehr sind und Gesellschaft ganz anders beschrieben werden muss. Hamburg: Murmann, S. 292.

[8] Vgl. ausführlich dazu etwa Ackermann 2007, a.a.O.

[9] Vgl. ausführlich Kleve, Heiko (2000): Die Sozialarbeit ohne Eigenschaften. Fragmente einer postmodernen Professions- und Wissenschaftstheorie Sozialer Arbeit. Freiburg/Br.: Lambertus; Kleve, Heiko (2007): Postmoderne Sozialarbeit. Ein systemtheoretisch-konstruktivistischer Beitrag zur Sozialarbeitswissenschaft. Wiesbaden: VS.

[10] Vgl. Möhring-Hesse, Matthias (2015), Die Kehrseite dessen, was man gemeinhin „Ökonomisierung“ nennt. Zur Kritik der Verstaatlichung der Sozialen Dienste, in: EthikJournal, Heft 3. Download unter: http://www.ethikjournal.de [30.06.2016].

[11] Vgl. Priddat, Birger P. (2014): Wir werden zu Tode geprüft. Wie man trotz Bachelor, Master & Bologna intelligent studiert. Hamburg: Murmann.

[12] Ebd., S. 225 f.

[13] Siehe Beschreibungen und Erklärungen zur Ausweitung der Bürokratie: Mises, Ludwig von (1944/2013): Die Bürokratie. Sankt Augustin: Academia (aus liberaler Sicht) und Graeber, David (2016): Bürokratie. Die Utopie der Regeln. Stuttgart: Klett-Cotta (aus anthropologischer Perspektive).

[14] Vgl. Münder, Johannes (2007): Was ist rechtskonform? Die rechtlichen Möglichkeiten des KJHG beim Umbau der Hilfen zur Erziehung, in: Verein für Kommunalwissenschaften (Hrsg.): Sozialraumorientierter Umbau der Hilfen zur Erziehung: Positive Effekte, Risiken +Nebenwirkungen. Band 2. Berlin, S. 7-12..

[15] Vgl. Hinte, Wolfgang/Treeß, Helga (2007): Sozialraumorientierung in der Jugendhilfe. Theoretische Grundlagen, Handlungsprinzipien und Praxisbeispiele einer kooperativ-integrativen Pädagogik. Weinheim/München: Juventa; Früchtel, Frank/Cyprian, Gudrun/Budde, Wolfgang (2007a): Sozialer Raum und Soziale Arbeit. Textbook: Theoretische Grundlagen. Wiesbaden: VS; Früchtel, Frank/Cyprian, Gudrun/Budde, Wolfgang (2007b): Sozialer Raum und Soziale Arbeit. Fieldbook: Methoden und Techniken. Wiesbaden: VS.

[16] Vgl. Baecker, Dirk (1994): Soziale Hilfe als Funktionssystem der Gesellschaft. Zeitschrift für Soziologie, Heft 2, S. 93-110.

[17] Siehe dazu bereits und weiterführend Kleve, Heiko (2015): Die Wirtschaft der Sozialen Arbeit. Zum ambivalenten Wechselverhältnis von Geld und Helfen. Soziale Arbeit, Heft 4, S. 122-128; Kleve, Heiko (2016): Systemische Sozialarbeit und Liberalismus. Plädoyer für soziale Selbstorganisation und individuelle Autonomie – eine Diskussionsanregung. Familiendynamik, Heft 3, S. 208-2015; Kleve, Heiko u.a. (Hrsg.) (2016): Autonomie und Mündigkeit in der Sozialen Arbeit. Beltz/Juventa: Weihnheim (im Erscheinen).

Die drei Kritiken Sozialer Arbeit

Die Kritische Soziale Arbeit ist in aller Munde. Sogar der AKS, der Arbeitskreis kritischer Sozialarbeiter*innen wurde vor einigen Jahren neu begründet. Ursprünglich war der AKS eine Bewegung der 1970er Jahre und stand für eine kritische Perspektive, die ich Kritische Soziale Arbeit 1.0 nenne. Damit ist die klassische Kapitalismuskritik gemeint sowie die Position, dass die Soziale Arbeit Agentin des herrschenden politischen und wirtschaftlichen Systems sei, für die materielle und geistige Reproduktion sorge, Menschen also unterstütze, dass sie bei Problemen gesellschaftlicher Randständigkeit oder gänzlichem Ausschluss noch ihre bio-psycho-sozialen Bedürfnisse befriedigen können, ohne das System, das solche Probleme produziert, infrage zu stellen und revolutionär überwinden zu wollen.

Die Kritische Soziale Arbeit 2.0 ist jene Ökonomisierungs- und Neoliberalismuskritik, die in den 1990er Jahren begann und die Soziale Arbeit von ökonomischen Mächten bedroht sieht, die die Marktwirtschaft in alle Winkel der Gesellschaft zu pressen versuche. Zudem kritisiert diese Perspektive die Verbreitung der Idee eines unternehmerischen Selbst, dass wir alle also letztlich unser Lebensunternehmen auf dem Markt der Gesellschaft zu gestalten haben.

Die Kritische Soziale Arbeit 3.0 ist nun jene Kritik, die die zuvor genannten Kritiken kritisiert und an klassisch liberale Bestimmungen der Ethik und Fachlichkeit der Sozialen Arbeit anschließt, diese gar neoliberal radikalisiert. Demnach leben wir keineswegs in einem Kapitalismus, wie die Kritische Soziale Arbeit 1.0 behauptet, sondern in einer funktional differenzierten Gesellschaft. Nicht lediglich die Wirtschaft, nicht nur das Geld bestimmen den Lauf der sozialen Welt, sondern auch andere systemische Dynamiken, wie staatliche Politik, Recht, Wissenschaft, die Massenmedien, die Religion und weitere Systeme, so auch die Soziale Arbeit, das Erziehungs- und Gesundheitssystem.

Es erscheint verkürzt, zur Bestimmung der Gesellschaft lediglich die wirtschaftliche Grundlage unserer Sozialwelt heranzuziehen und die anderen arbeitsteilig agierenden Systeme außer Acht zu lassen. Somit präsentiert sich auch die Kritische Soziale Arbeit 2.0 zu einseitig. Denn auch sie verkürzt ihre Kritik auf wirtschaftliche Dynamiken, deren Initiierung nicht einmal dem Wirtschaftssystem, sondern der staatlichen Politik angelastet werden könnte. Denn die vermeintliche Neoliberalisierung kommt als eine verstärkte Verstaatlichung der Sozialen Arbeit zum Ausdruck. Mit dem Versuch, über das Medium Geld die Soziale Arbeit zu steuern, versucht die Politik, die inzwischen ebenfalls eigendynamisch agierende Soziale Arbeit zu regulieren. Dies gelingt mehr schlecht als recht. Folge davon ist eine zunehmende Bürokratisierung der sozialarbeiterischen Organisationen, die etwa dadurch sichtbar wird, dass Sozialarbeiter*innen immer mehr Zeit aufwenden müssen, um das, was sie tun, dokumentarisch zu rechtfertigen, durch das Ausfüllen von Formularen bürokratisch und damit zum großen Teil politisch zu legitimieren.

Die Kritische Soziale Arbeit 3.0 schließt mit ihrer Kritik an liberale Normen Sozialer Arbeit an, dass diese Profession alles dafür tun muss, Menschen, die sie unterstützt, zu einem Zuwachs an Mündigkeit, Selbstbestimmung und Autonomie zu verhelfen. Diesbezüglich vertritt sie schließlich die These, dass dabei die Wirtschaft keinesfalls stört, sondern im Gegenteil: Die Wirtschaft stellt sich als Partner dar – zum einen, weil sie es ermöglicht, die Organisation der Sozialen Arbeit so zu gestalten, dass die knappen Ressourcen Personal und Zeit so eingesetzt werden, dass sich der größte Nutzen für die Klientinnen und Klienten ergeben kann; und zum anderen, weil die wirtschaftliche Selbstreproduktion (etwa durch Erwerbsarbeit) eine wesentliche Grundlage ist, um in der Gesellschaft in autonomer und selbstbestimmter Weise zu existieren.

Postmodernes Beobachten 2. Ordnung statt Kritik

Es liegt nahe, […] die mit ‚Kritik‘ bezeichnete Unterscheidung durch die Unterscheidung von Beobachtern zu ersetzen.“ (Niklas Luhmann)  

Das Attribut „postmodern“ wird hier als Bewertung für eine Gemüts- und Geistesform benutzt, die sich auf die komplexen Verhältnisse heutiger Gesellschaft einstellt, in der die klassischen Schablonen und Einordnungsstrategien von „richtig“ und „falsch“, „Problem“ und „Lösung“ oder „konservativ“ und „progressiv“ mehr und mehr scheitern. Vielmehr geraten die Verhältnisse ins Trudeln: was sich hier als „richtig“ darstellt, ist womöglich woanders „falsch“. Was heute als „Lösung“ daherkommt, offenbart sich morgen als „Problem“. Postmodernes Denken ist demnach ein Denken, das sich auf kontextuelle Unterschiedlichkeit einstellt, das die Relativität der Beobachtungsverhältnisse der Welt konstatiert und die eigenen Bewertungen darauf einstellt, also mit Vorläufigkeiten, Unsicherheiten rechnet und daher Kontingenzbewusstsein fordert: Es könnte eben auch ganz anders sein, was und wie gerade beobachtet, erklärt und bewertet wird.

Beobachten selbst wird, genauso wie etymologisch der Begriff „Kritik“, als ein Unterscheidungsprozess verstanden, durch den die Welt der Wahrnehmung (im Bewusstsein) oder der Kommunikation (im sozialen System) erst konstruiert wird. Die Welt ist wie sie ist – aber dies ist nicht beobachtbar. Beobachtbar ist die Welt nur so, wie sie von uns durch unsere Unterscheidungen und die darauf folgenden Bezeichnungen konstruiert wird. Wie der erkenntnistheoretische Konstruktivismus lehrt, kann die Welt in recht unterschiedlichen Weisen wahrgenommen und kommuniziert werden – und diese unterschiedlichen Weisen offenbaren unterschiedliche Weltversionen, während die Unmöglichkeit einer Weltversion durch ihr Scheitern deutlich wird, durch ihre Falsifikation. Letztlich ist die entscheidende Frage, ob eine Konstruktion zu einem Handlungserfolg führt oder nicht: Wenn sich der Erfolg einstellt, dann zeigt sich Passung bzw. Möglichkeit; wenn dieser Erfolg ausbleibt, dann hat dieses Scheitern die Unmöglichkeit, die Nichtpassung offenbart. Damit finden wir aber niemals einen einzigen möglichen Blick auf die wirkliche Wirklichkeit. Lediglich die Grenzen dieser Wirklichkeit offenbaren sich, und zwar als Widerstände, die unsere möglichen Konstruktionen restringieren.

Das Beobachten 2. Ordnung ist ein Prozess, in dem das Beobachten reflexiv wird, in dem es auf sich selbst angewandt wird mit dem Ziel, alternative Beobachtungen zu kreieren, die alternatives Denken, Handeln und Kommunizierens ermöglichen. Wenn wir also beobachten, wie wir selbst (in der Vergangenheit) beobachtet haben oder wie andere (in der Gegenwart) beobachten, dann können wir auch beobachten, welche Unterscheidungen den Beobachtungen zugrunde lagen oder liegen und welche anderen Unterscheidungen, also welche alternativen Beobachtungen ebenfalls möglich (gewesen) wären. Das Beobachten 2. Ordnung ist demnach ein Erzeugen von Alternativität. Eine Mehrzahl von möglichen Weisen der Weltwahrnehmung und -kommunikation wird dadurch produzierbar. Diese Mehrzahl von Beobachtungsversionen wiederum kann Handeln beeinflussen, also den Fortgang individueller und sozialer Prozesse (bestenfalls konstruktiv und produktiv) irritieren.

Die Wirtschaft der Sozialen Arbeit. Ein Dialog zwischen Markus Eckl und Heiko Kleve

Der Beitrag von Heiko Kleve Die Wirtschaft der Sozialen Arbeit (Soziale Arbeit, Heft 4/2015, S. 122-128) regt zum Widerspruch an. Denn Kleve stellt als sicher angesehene Grundprämissen des aktuellen sozialarbeiterischen Diskurses infrage. So entwickelt er ein positives Verständnis von Ökonomisierung, referiert zustimmend neoliberale Positionen und benutzt zudem die soziologische Systemtheorie als Stütze für seine Thesen. Markus Eckl hat bereits mit seinem Beitrag Soziale Arbeit und Wirtschaft (Soziale Arbeit, Heft 4/2016, S. 122-129) seinen Widerspruch formuliert. Im Folgenden wird dieser Widerspruch aufgegriffen und ein Dialog zwischen Kleve und Eckl zu den Fragen der Verbindung von Liberalismus und Systemtheorie sowie zur Bedeutung der Ökonomie für die Soziale Arbeit dokumentiert.

Markus Eckl: Die erste Kritik die ich an Ihrem Artikel habe, ist ihre Verknüpfung von Liberalismus und Systemtheorie. Nun lässt sich darüber wunderbar streiten und jeweils eine unterschiedliche Position einnehmen. Ich frage mich aber, ob diese Verknüpfung mit der Systemtheorie Luhmanns wirklich so unproblematisch ist?

Heiko Kleve: Mein Verständnis von Liberalismus bezieht sich auf drei Quellen: erstens auf Klassiker wie Adam Smith (1776), zweitens auf neuere Liberale wie Ludwig von Mises (1927) und Friedrich August von Hayek (1944; 1961; 1973; 1974) und drittens auf aktuelle Autoren wie Norbert Bolz (2002; 2009; 2010), Rainer Hank (2015) oder Armin Nassehi (2015). Grundthesen dieses liberalen Denkens sind sehr verwandt mit der Systemtheorie. Dies möchte ich an drei Punkten knapp ausführen: (1.) Wie die Systemtheorie geht die liberale Theorie von Komplexität aus, von einer Welt, die in ihrer Vielfalt von den Beobachtern nur reduziert erfasst werden kann. (2.) Daraus wird geschlussfolgert, dass das Wissen von der Welt nicht zentral erhoben werden kann, sondern dezentral in ganz unterschiedlicher Weise verteilt ist. Kein Mensch kann daher die Welt mit seinem Wissen und davon abgeleitetem Handeln aus den Angeln heben, zielgereichtet planen oder gar steuern. Eher schaffen es sich selbstorganisierende soziale Dynamiken (wie beispielsweise der Markt der Wirtschaft) Wissen zu generieren. (3.) Soziale Ordnungen entstehen eher spontan als geplant, hinter dem Rücken der Akteure überraschend und nicht prognostizierbar – was übrigens auch eine Grundthese der soziologischen Theorie jenseits bestimmter Theorieschulen ist.

Nehmen Sie das Beispiel einer sich von selbst ergebenden Sitzordnung in einem Seminarraum. Die Studierenden finden beim ersten Seminarbesuch eher zufällig als zielgerichtet ihre Plätze. Aber dieser Zufall wird – nicht mit Sicherheit, aber mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit – zur Regel, zur ungeplanten sozialen Ordnung. Mit jedem weiteren Mal des Betretens dieses Seminarraums verfestigt sich diese Ordnung. Allerdings ist dies, wie gesagt, nicht mit Sicherheit vorhersehbar. Dieses Muster kann lediglich mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit beobachtet werden. Es ist das, was von Hayek die „spontane Ordnung“ nennt, die wir nicht zielgerichtet „machen“ können, sondern entdecken, nicht planend erfinden, sondern vorfinden.

Dies nun sind drei einfache Grundannahmen des Liberalismus, die stark mit der Systemtheorie verwandt sind und sich auf die Wirtschaft, die Soziale Arbeit und andere soziale Dynamiken beziehen lassen. Nichts anderes unternehme ich in meinem Beitrag zur Wirtschaft der Sozialen Arbeit.

Eckl: Die Systemtheorie lehrt uns, nicht nur die Gemeinsamkeiten zu betonen, sondern vor allem die Differenzen in Augenschein zu nehmen. Auch wenn sie zwischen Liberalismus und Systemtheorie Gemeinsamkeiten skizzieren, so dürfen ihre Unterschiede nicht vernachlässigt werden. Und diese sind gravierend. Nun sind die mir bekannten liberalen Theorien meist Handlungstheorien, die von einem rationalen Akteur ausgehen. Ohne dies weiter ausführen zu wollen, ist hier wohl der größte Unterschied zur Systemtheorie gegeben. Denn Luhmanns Überlegungen stützen sich weder auf Handlungen noch auf rational agierende Akteure. Alle sozialen Prozesse beruhen auf Kommunikation als Operation und nicht auf Handlungen (Luhmann 1987; 1997). Dabei schließt er den Begriff des Menschen aus seiner Theorie aus und es wird ein Kommunikationsgeschehen betont, in dem Kommunikation selektiv aufeinander Bezug nimmt. Personen, wie auch Organisationen, können zwar für Kommunikation adressierbar sein, aber als rationale Akteure im Sinne liberaler Handlungstheorien treten sie nicht in Erscheinung (Fuchs 1999). Diese fundamental neue Denkweise Luhmanns schafft viele Anschlussfähigkeiten, jedoch werden bestimmte theoretische Verknüpfungen problematisch.

Für unseren Diskurs würde ich eine tiefere theoretische Verortung zunächst vernachlässigen, da sie erstens im Laufe unserer Argumente wieder in Erscheinung tritt und zweitens – und dies erachte ich als ertragreicher – unsere Beobachtungen sich auf die Wirtschaft der Sozialen Arbeit konzentrieren sollten.

Kleve: Die neoliberalen Autoren, auf die ich mich beziehe, gehen eben nicht vom Homo Oeconomicus der neoklassischen Wirtschaftswissenschaften aus. Ludwig von Mises (1927) hat dieses Modell bereits in den 1920er Jahren abgelehnt und dagegen ein soziologisches, an Max Webers Handlungstheorie erinnerndes Konzept gesetzt: den Homo Agens, den handelnden Menschen (vgl. ausführlich von Mises 1940; 1949). Was dieser als rational ansieht, welche Motive er seinen Handlungen zugrunde legt, ist höchst subjektiv, kann von anderen durchaus als irrational bewertet werden. Rationalität wird also, wie in der Systemtheorie, radikal relativiert. Dennoch erhöht natürlich ein Medium die Wahrscheinlichkeit, dass das Handeln bestimmten Präferenzen folgt, das Geld. Das können wir sowohl mit der Systemtheorie als auch mit dem Liberalismus sagen: Geld als (Kommunikations-)Medium erhöht die Wahrscheinlichkeit bestimmter Motivationen und Akzeptanzen von Handlungs- bzw. Kommunikationsofferten, schafft – liberal gesprochen: spezielle Anreizstrukturen. Wenn Sie, wie im alten Indien geschehen, für jede gefangene und getötete Kobra (im Kontext einer vermeintlichen Plage bezüglich dieser Schlange) Geldprämien ausloben, dann verringern sie die Zahl dieser Tiere nicht, sondern erhöhen sie. Die Menschen beginnen nämlich, Kobras zu züchten, es wird zu einem Geschäftsmodell. Genau hier fängt Wirtschaft an, wenn es also um das Medium Geld und seine Dynamiken geht.

Den zweiten Punkt, den Sie ansprechen, dass Luhmann von menschlichen Handlungen absieht, können wir mit dem Komplexitätsthema verbinden, das für von Hayek (1961) zentral ist. Demnach verbinden sich Handlungen zu komplexen Phänomenen, wie etwa zum Markt der Wirtschaft, der unzählige Handlungen nicht vorhersehbar, nicht planbar, nicht steuerbar koordiniert. Die Systemtheorie beschreibt dieses Phänomen zwar mit zum Teil anderen Begriffen, aber dennoch sind die Erkenntnisse und Thesen, die daraus abgeleitet werden, sehr ähnlich. So ist zum Beispiel die Akzeptanz des Nichtwissens hinsichtlich komplexer Dynamiken in der Systemtheorie wie im Liberalismus zentral.

Eckl: Wird Rationalität in dem von Ihnen vorgebrachten Rahmen verwendet, dann kann jede Handlung als rational gelten und der Begriff verliert erheblich an Substanz. Meine zweite Kritik bezieht sich auf ihr Marktverständnis, in dem die Organisationen der Sozialen Dienste agieren. Wir sind uns wohl darüber einig, will man etwas über die Wirtschaft der Sozialen Arbeit sagen, so ist es sinnvoll und notwendig, die Organisationen der Sozialen Arbeit und den Markt, in dem sie partizipieren, heranzuziehen. Ihre Annahme, dass der Markt der Sozialen Dienste zwischen Marktwirtschaft und Planwirtschaft „hin und her“ changiert, erachte ich als nicht nachvollziehbar. Warum nicht?

Erstens, und ganz grundsätzlich, ist der Gegensatz von Marktwirtschaft nicht Planwirtschaft. Dieser Gedanke ist zwar intuitiv – jedoch aber auch irreführend. Das Pendant zu Marktwirtschaft ist vielmehr die Subsistenzwirtschaft (vgl. Luhmann 1997, S. 96 ff.). Darunter ist eine Wirtschaftsform zu verstehen, der es an Geldmechanismen fehlt. Zudem ist kein sich gegenseitiges Beobachten der Marktakteure gegeben. So kann etwa die Bedürfnisbefriedigung bzw. die Entwicklung neuer Bedürfnisse nur eingeschärft ablaufen und ist durch Vorratshaltung geprägt.

Heiko Kleve: Zunächst ist Marktwirtschaft für mich, und da argumentierte ich jetzt wieder ganz liberal, die Wirtschaftsordnung, die sich spontan zwischen Menschen herstellt, wenn die Menschen gegenseitige Austauschprozesse auf freiwilliger Grundlage und zum gegenseitigen Vorteil realisieren. Es ist heute die durch das Medium Geld vermittelte Reziprozität, die Anbieter (Unternehmer) und Nachfrager (Kunden) differenziert. Eine solche Marktwirtschaft sehen wir in der Sozialen Arbeit nur dann rudimentär verwirklicht, wenn wir die staatlichen Nachfrager (Jugend-, Gesundheits- Sozialämter, Arbeitsagenturen/Jobcenter sowie Städte und Kommunen) betrachten, die Leistungen von Anbietern, freien Träger, sozialen Unternehmen einkaufen, und zwar für – gemäß den Sozialgesetzbüchern – leistungsberechtigten Bürgerinnen und Bürgern. Diese Bürger/innen sind aber keine Kunden, sie fragen nicht eigenständig nach und haben auch nicht das Geld, um sich Leistungen zu kaufen. Dieser Kauf erfolgt – planwirtschaftlich reguliert – durch die genannten öffentlichen Träger, die zumeist suggerieren, dass sie wissen, was gut für die leistungsberechtigten Bürgerinnen und Bürger ist. Diese haben zwar ein formales Wahlrecht, was jedoch in der Praxis eher selten eingefordert und realisiert wird. Die Planwirtschaft kommt ins Spiel, wenn wir das Nachfragemonopol des Staates, der staatlichen Träger betrachten, die letztlich die Preise, die Angebotspalette, die fachlichen Standards etc. der freien Träger bestimmen. Das ist typisch für eine staatlich regulierte Planwirtschaft. Und diese Planwirtschaft kann dann noch so pseudo-marktwirtschaftliche Effizienzforderungen aufstellen und nur die preisgünstigsten Leistungen einkaufen, ohne dass sie in der Lage ist, deren Qualität zu prüfen. Diese muss letztlich immer aus der Perspektive der Nutzerinnen und Nutzer gesehen werden, nur sie können bewerten, ob etwas qualitativ passend ist oder nicht.

Eckl: Ihre Ausführungen offenbaren für mich ein weiteres Problem. Nämlich Sie vermischen meiner Meinung nach zwei Aspekte, die mir in der Literatur der Sozialen Arbeit häufig begegnen. Interessanterweise gibt es hier eine Äquivalenz zur Literatur der Wirtschaftswissenschaften. Das Problem ist, dass deskriptive Analysen mit normativen Grundsätzen vermischt werden. Es ist aufrichtig, dass Sie Ihre normativen Grundsätze offen darlegen (Liberalismus), jedoch erzeugt diese Vermengung analytische Fehler. Lassen Sie mich das an einem Beispiel deutlich machen. Ihre Beschreibung des Marktes der Sozialen Dienste ist weniger deskriptiv, sondern betont vielmehr, wie ein Markt sein sollte. Deutlicher zeigen sich die normativen Elemente in der vorherrschenden Wirtschaftstheorie bei den sogenannten Gesetzmäßigkeiten der Ökonomie (Sedlacek 2009, S. 18). Darunter versteht man zum Beispiel die Maxime, dass vereinfacht gesagt, teilnehmende Akteure am Markt ihren Nutzen maximieren müssen. Wenn jeder die Kosten und Nutzen seiner Markthandlungen rational abwägt und den größtmöglichen Gewinn daraus zieht, hat es für alle Teilnehmer, unter idealen Marktbedingungen, einen Nutzen. Unter idealen Marktbedingungen versteht man, dass Preise aufgrund von Nachfrage und Angebot ohne eine Machtsymmetrie entstehen (Garcia-Parpet 2007, S. 25 f.). Des Weiteren sollte das Produkt klar identifizierbar sein, Marktteilnehmer sollten ohne Einschränkungen in den Markt einsteigen bzw. aussteigen können und das Produkt muss transparent sein. Das heißt, alle besitzen gleich viel Wissen über das Produkt. Dies sind jedoch alles normative Regeln, wie ein Markt sein sollte. Die Rahmung bzw. der perfekte Markt ist ein Netz von Bedingungen. Dieses Netz ist nicht einfach entstanden bzw. es ist kein Naturgesetz, sondern wurde von Menschen konstruiert. Es sind moralische Wertvorstellungen, wie ein Markt auszusehen hat.

Betrachtet man sich Märkte ganz konkret, wird man in den meisten Fällen feststellen, dass es Preisbindungen gibt, dass Angebotspaletten reguliert werden und dass fachliche Standards von Institutionen vorgegeben werden. Dies sind keine Anzeichen von Planwirtschaft, vielmehr offenbaren diese Aspekte die strukturelle Abhängigkeit bzw. strukturelle Kopplung des Wirtschaftssystems mit andern Funktionssystemen, ohne die die Wirtschaft nicht funktionieren könnte (Luhmann 1997, S. 769). Granovetter (1985) würde von der eingebetteten Wirtschaft sprechen.

Kleve: Wir gehen offenbar von unterschiedlichen Definitionen hinsichtlich der Begriffe Plan- und Marktwirtschaft aus. Planwirtschaft ist für mich ein Wirtschaftsmodell, das einerseits den Wettbewerb ausschaltet und andererseits von zentralen Stellen aus gesteuert werden soll. Genau dies beobachten wir, ich wiederhole mich, hinsichtlich der Sozialen Arbeit: Den Wettbewerb der Nachfrager gibt es nicht. Der Staat – in unterschiedlichen Varianten – versucht, die Soziale Arbeit in verschiedener Weise zu planen. Marktwirtschaft wäre, wenn eine Mehrzahl von Nachfragern einer Mehrzahl von Anbietern gegenübersteht, wenn gewählt werden kann, eben durch monetäre Nachfrage. Ein anderes Problem ist ihr Verständnis von Konstruktion: Ja, wir konstruieren durch unsere Handlungen, die sich zu Kommunikationen verbinden, soziale Systeme. Diese Konstruktion können wir jedoch nicht zielgerichtet und planmäßig realisieren, sie läuft hinter unseren Rücken ungeplant, spontan ab. Es ist gewissermaßen eine Selbstkonstruktion des Sozialen. Wir haben es mit Nichttrivialität zu tun, mit äußerst begrenzter Planbarkeit. Hinsichtlich des Marktes finden die Menschen etwas vor, was sie zwar durch ihr Handeln erschaffen, aber eben nicht zielgerichtet konstruieren können. Dies ist eine grundlegende Erkenntnis der soziologischen Disziplin, zudem anerkannt in Systemtheorie und Liberalismus. Wie sich (Schwarz-)Märkte gar in Planwirtschaften, etwa in der DDR, spontan und ungeplant generierten, konnte ich als DDR-Bürger (ich habe zwanzig Jahre in diesem planwirtschaftlichen System gelebt) beobachten. Hinsichtlich des Schwarzmarktes von Computersoftware war ich selbst als Nachfrager und Anbieter auf dem Markt aktiv. Hier gab es keine festgelegten Preise, wie sonst in der DDR-Wirtschaft üblich, diese generierten sich durch das Wechselspiel auf dem Markt, durch die Verkettungen von Angebot und Nachfrage in nicht planbarerer Weise.

Noch einmal, Systemtheorie und Neoliberalismus korrelieren in zentralen Fragen. Während der Neoliberalismus insbesondere Wirtschaftsfragen thematisiert, ein Wirtschaftsliberalismus ist, kann die Systemtheorie weiter gefasst werden: Wir könnten sie als Systemliberalismus bezeichnen. Das betont beispielsweise Armin Nassehi (2015): Systemtheorie anerkennt die Nichtsteuer- und Nichtplanbarkeit der Systeme, deren selbstorganisierte Eigendynamik und versucht dennoch für dezentrale wechselseitige Abstimmungen zu sensibilisieren. Systemtheorie beschreibt systemische Freiheiten im Kontext der Freiheiten der anderen Systeme. Ein durch und durch liberales Programm, weil es letztlich begründet, warum Systeme grundsätzlich als frei gelten können. Gerade die wechselseitig aufeinander bezogenen Freiheitsgerade generieren Strukturen, Muster, Regeln, etwa Märkte und andere Phänomene sozialer Selbstorganisation. Nichts anderes meint Luhmanns (1984) Konzept der doppelten Kontingenz.

Eckl: Zunächst beruht ihr Verständnis von Marktwirtschaft und Planwirtschaft nicht auf Beobachtungen darüber, wie Märkte in der Praxis funktionieren, sondern es sind – wie sie ja selbst sagen – liberale Ideen – ich würde sagen – Ideologien. Denn Marktwirtschaft ist in der Praxis (und auch in der Theorie) mehr als nur ein Nachfrage- und Angebotsverhältnis und Planwirtschaft ist mehr als staatliche Regulierung. Dass die Preisfindung etc. auf Märkten nicht so funktioniert wie Sie und ihre angeführten neoliberalen Autoren darstellen, zeigen etliche Studien (Akerlof 1970; Bourdieu 1998; Heiberger 2015). Insbesondere Heiberger (2015) zeigt wunderbar auf, in wieweit die Preisfindung sogar auf dem Finanzmarkt durch Netzwerke, Institutionen und einer bestimmten Kultur konstruiert wird.

Mit sozial konstruierten Märkten meinte ich, dass es eine gegenseitige Interpenetration von ökonomischer Theorie und ökonomischer Praxis gibt. Dies zeigen insbesondere Studien der neueren Wirtschaftssoziologie. Ökonomische Vorstellungen darüber, wie Märkte sein sollten, werden in der Praxis umgesetzt und nach diesen Vorstellungen geplant – was natürlich nicht gleich heißt, dass sie dann auch so funktionieren. Bezüglich der Planbarkeit bin ich ganz bei Ihnen, was jedoch nicht heißt, dass es keine Einflüsse gibt. Zudem existieren in jedem Markt Aspekte von Machtasymmetrien (Bourdieu 1998). Ein wunderbares Beispiel hierfür ist eine Studie von Garcia-Parpet über einen Erdbeermarkt von Fontaines-en Sologne in Frankreich, in dem seine Entstehung und Entwicklung aufgrund des Einflusses von ökonomischen Theorien nachgezeichnet wird (Garcia-Parpet 2007). In der Wirtschafssoziologie nennt man dieses Phänomen Performation.

Ich greife in meinem Artikel „Wirtschaft und Soziale Arbeit“ nicht ohne Grund auf den Quasimarkt zurück, um den Markt der Sozialen Arbeit zu charakterisieren (Eckl 2016, S. 126). Denn dieser berücksichtigt, dass eine zentrale Steuerungsinstanz existiert, die bestimmt, wie viel Geld im Markt der Sozialen Dienste zirkulieren kann (soll). Weiter berücksichtigt das Konzept, dass es Konkurrenz gibt, nämlich zwischen den Organisationen der Sozialen Dienste, die um beschränke Mittel kämpfen müssen. Dass diese Konkurrenz existiert und dass dies für die Leistungsproduktion nicht gerade von Vorteil ist, zeigen ebenfalls viele Kollegen (Bode 2005; Binswagner 2010).

Letztendlich ist Ihr „Systemliberalismus“ für mich nicht stichhaltig genug. Denn Systeme sind nicht frei, genauso wenig sind sie unfrei. Zentral ist, dass Selbstorganisation nicht mit Freiheit gleichzusetzen ist. So stehen Funktionssysteme, trotz ihrer vorhandenen Spielräume in starken Abhängigkeitsverhältnissen zueinander (Luhmann 1997, S. 769; Münch 1982, 123 ff.). Das Funktionssystem der Sozialen Arbeit besitzt nicht die Freiheit, etwas anderes zu tun, als seine Operationen durch den Code von Helfen/Nicht Helfen zu operieren. Wie die jeweilige Zuweisung zu Stande kommt, wird erheblich von den Programmen mitbestimmt. Inwieweit Organisationen der Sozialen Arbeit z.B. durch ökonomische Gesichtspunkten auf ihrer Programmebene eingeschränkt werden, versuche ich in meinem Artikel aufzuzeigen. Vielleicht wollen wir darauf einmal zu sprechen kommen?

Kleve: Ein Problem unseres Dialogs ist, dass wir von unterschiedlichen Autoren und Studien ausgehen, dass wir möglicherweise auch die Begriffe, die wir verwenden, sehr unterschiedlich definieren. Wir heben sehr von den Problemen ab, um dies es uns eigentlich geht. Wir sollten auf die Soziale Arbeit zurückkommen. Bevor wir das tun, noch ein Aspekt zur Freiheit, womit ich meine, dass Systeme eben autopoietisch strukturiert sind, von außen nicht determinierbar. Determination kann demzufolge nur Selbstdetermination sein. Die Umwelt regt Systeme vielleicht an, setzt bestimmte Anreizstrukturen, aber kann die Systeme nicht steuern. Kontingenz lässt sich in komplexen, in nichttrivialen Kontexten nicht eliminieren. Dies meine ich mit Freiheit. Diese Freiheit ist die Bedingung für selbstorganisierte Struktur- und Musterbildung. Ein Phänomen, das genauso auch im Neoliberalismus, etwa bei von Hayek beschrieben wird. Zur Sozialen Arbeit: Hier liegt unsere Differenz darin, dass Sie einen Quasimarkt sehen, Sie also selbst eine Differenz zum Markt bezeichnen. Wie gesagt, ein Markt wäre gegeben, wenn nicht nur der Staat nachfragt und mit seinem Nachfragemonopol Steuerung und Planung versucht, sondern wenn tatsächlich Klienten zu Kunden werden können. Günter Gerhardinger (2004) fordert seit Jahren, dass wir in der Sozialen Arbeiten reale Kunden brauchen, die über ihre Nachfrage das Angebot bestimmen. Denn in einer Marktwirtschaft ist der Wettbewerb der Anbieter um die besten Angebote für die Kunden ein Entmachtungsverfahren: Es werden die Anbieter belohnt, die den Bedürfnissen der Kunden am ehesten entsprechen können. Ein anderes Problem der derzeitigen Struktur ist, dass wir eine problemorientierte Anreizstruktur haben, dass etwa durch Tagessätze und Fachleistungsstunden die Arbeit an Problemen und nicht die nachhaltige Kreation von Lösungen für die Träger finanziell attraktiv ist. Denken Sie an mein oben beschriebenes Kobra-Beispiel. Genau hier sollten wir ansetzen.

Eckl: Wie ich bereits erwähnt habe, empfinde ich den Freiheitsbegriff für Systeme unpassend. Ich stimme Ihnen zu, wenn Sie sagen, dass autopoietische Systeme nicht determiniert werden können. Aber zwischen der totalen Steuerung und einer Beeinflussung liegt ein weites Feld. Ich bin hier sehr nahe an Parsons (1977) und Münch (1982), die von der gegenseitigen Interpenetration der Systeme sprechen, das heißt, dass sich Systeme sehr wohl gegenseitig beeinflussen können. Auch in der Systemtheorie Luhmanns ist dieser Aspekt denkbar, auch wenn Luhmann selbst dies wohl weniger bevorzugt hätte. Mit Luhmann gegen Luhmann gesprochen kann nämlich auf der Programmebene von Systemen fremdsystemischer Einfluss gedacht werden. Ich möchte das an dem Beispiel der Ökonomisierung darlegen und gleich den von Ihnen zurecht angehmahnten Bezug zur Sozialen Arbeit wieder herstellen.

Unter Ökonomisierung versteht man einen Prozess, in dessen Verlauf wirtschaftliches Denken und Handeln in gesellschaftliche Bereiche vordringt, die bisher davon nicht (oder nur wenig) betroffen waren. Schimank (2009) geht nun davon aus, dass durch die Dominanz des generalisierten Kommunikationsmediums Geld, welches nicht nur im Funktionssystem der Wirtschaft, sondern auch in allen anderen Teilsystemen benötigt wird, in den Teilsystemen ein Kostendruck verursacht (ebd., S. 333 f.). Dieser Kostendruck findet auf der Programmebene der Systeme in Form eines Wandels bezüglich des Umgangs mit Geld statt (Schimank; Volkmann 2008, S. 358). Besteht zu Beginn noch keine Sorgfaltsverpflichtung gegenüber Geld, wird diese immer stärker, bis Geldsparen zu einer „Muss-Erwartung“ wird und auch Geld erwirtschaftet werden muss. Nun ist dieser Prozess auf Ebene der Funktionssysteme schwieriger nachweisbar. Vielmehr ist dieses Phänomen auf Organisationsebene zu beobachten. Das heißt dann – und das habe ich in meinem Artikel aufgezeigt – dass die Gefahr besteht, dass wenn auf der Programmebene ökonomische Gesichtspunkte immer wichtiger und dominanter werden, die Organisationen sich gravierend in ihrer Leistungsproduktion verändern können. Denn ihr binärer Code von Hilfe/Nicht Hilfe orientiert sich dann immer stärker an ökonomischen Gesichtspunkten. Wie Sie sehen, spreche ich hier nicht von einer Determination, also von der totalen Vereinnahmung ökonomischer Aspekte in sozialen Einrichtungen. Aber es besteht die Gefahr, dass sozialarbeiterisches Handeln immer stärker unter einer ökonomischen Effizienzlogik geschehen muss und diese Entwicklung beobachte ich mit Sorge. Denn es kann eben auch heißen, dass es ökonomisch sinnvoll ist, Lösungen von Problemen hinauszuzögern und den „Kunden“ an die Dienstleistung bzw. an das Produkt zu binden.

Kleve: Auf dieser operativen Ebene liegen wir gar nicht weit entfernt. Wie Sie selbst anmerken, kommen in Organisationen die unterschiedlichen Logiken der Funktionssysteme zusammen, verbinden sich, tangieren und restringieren sich. In sozialarbeiterischen Organisationen geht es eben nicht nur um Soziale Arbeit, nicht nur um professionelle Hilfe oder Nicht-Hilfe, sondern eben auch um Recht, Politik, Wissenschaft, vielleicht sogar um Kunst und Religion und zweifellos um Geld, um Wirtschaft. Geld ist ein besonders starkes Medium in unserer Gesellschaft, das Anreizstrukturen setzt, dass also die Hilfe mit hoher Wahrscheinlichkeit in bestimmte Richtungen lenken oder umlenken kann. Denn Organisationen sind als wirtschaftliche Einheiten auf den Geldfluss angewiesen, der – wie mehrfach gesagt –, staatlich, zentralisiert und damit eben auch planwirtschaftlich gelenkt wird. Letztlich geht es dem Staat nicht um Effizienz und Effektivität, sondern darum, die eigene Schuldenlast zu reduzieren, etwa durch Einsparungen in unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen, eben auch in der Sozialen Arbeit. Meine These ist, dass wir hier nicht eine wirtschaftliche Ökonomisierung, sondern eine verstärkte Verstaatlichung der Sozialen Arbeit erleben. Genauso wie Sie die stärkere funktionale Differenzierung von Sozialer Arbeit und Ökonomie einfordern, fordere ich sie striktere Separierung von Staat/Politik und Soziale Arbeit ein. Zurück zum Geld als Rahmen, als Faktor sozialarbeiterischer Kontextsteuerung: Wir sollten uns fragen, wie die Wirtschaft der Sozialen Arbeit, also der Geldfluss, das Geld als Anreizstruktur so gestaltet werden kann, dass die normativen Ziele der Sozialen Arbeit, die übrigens strikt liberale sind, gestützt statt geschwächt werden. Das aktuelle System verstärkt Prozesse der „fürsorglichen Belagerung“ (Heinrich Böll), statt Emanzipationstendenzen der Klienten zu fördern.

Eckl: Ich möchte Ihre beiden Gedanken gerne aufgreifen. Ihrer These, dass wir keine Ökonomisierung in der Sozialen Arbeit haben, sondern vielmehr eine verstärkte Verstaatlichung, kann ich nicht zustimmen. Ich denke, dass es seit den 1990er Jahren eine Ökonomisierung zu beobachten gibt, die staatlich gewollt und durch staatlicher Initiative durchgesetzt wurde. Dieser Prozess ist auf unterschiedlichsten Ebenen zu beobachten. Lessenich (2010) beschreibt die Entwicklung u.a. auf der Mikroebene. So werden die Menschen immer stärker gezwungen, sich privat – ja eigenverantwortlich – zu versorgen (Pflege, Rente, Arbeitslosigkeit etc.). Im Sinne des „unternehmerischen Selbst“ soll der Mensch mittels behavioristischen Verhaltensmodifikationen zu ökonomisch-rationalen, eigenverantwortlichen Subjekten, herangezogen werden (vgl. Bröckling 2007). Auf der Mesoebene ist dies bezüglich der Organisationen der Sozialen Arbeit zu beobachten, die sich seit längerem gezwungen sehen, erhebliche Konkurrenzkämpfe am Quasimarkt einzugehen. In beiden Fällen gibt es eine strukturelle Äquivalenz, nämlich, dass erstens der Staat Wettbewerb und eine ökonomische Logik fördern möchte. Zweitens ist zu erkennen, dass sich der Staat nicht zurückzieht (hier gebe ich Ihnen teilweise Recht), sondern dass er abweichendes Verhalten bestraft. Wer nicht nach ökonomischen Marktlogiken handelt und eben nicht sich selbst oder seine soziale Einrichtung als Unternehmen ausrichtet, der hat im Extremfall mit Sanktionen zu rechnen, zumindest wird ihm die Unterstützung entzogen (Lessenich 2010, S. 164 f.).

Das zweite von Ihnen vorgebrachte Argument, dass die aktuelle Situation die „fürsorgliche Belagerung“ fördere, weise ich entscheidend zurück. Denn wie ich bereits zuvor erörtert habe, gibt es keine Gründe, warum der von Ihnen geforderte „freie“ Markt diese Belagerung nicht haben sollte. Denn ökonomisch betrachtet macht eine Kundenbindung Sinn bzw. das aufrechterhalten der Dienstleistung ist eine notwendige Konsequenz in einer Marktwirtschaft. Ich bezweifle auch, dass ihre Darstellung der Hilfeleistung bzw. die „fürsorgliche Belagerung“ wirklich so verbreitet ist. Hierzu fehlen mir eindeutig die Fakten.

Kleve: Bezüglich des ersten Punktes, dass die vermeintliche Ökonomisierung eher einer zunehmende Verstaatlichung gleichkommt, dass es um staatliches Sparen im Kontext der Überschuldung öffentlicher Kassen geht, möchte ich auf Arbeiten von Matthias Möhring-Hesse (2015) verweisen, der dies hinsichtlich der sozialen Dienste zeigt. Ähnliches können wir hinsichtlich des staatlichen Bildungssystems, etwa im Hochschulbereich sehen, wie etwa Birger Priddat (2014) feststellt. Zum zweiten Punkt: Wir haben äußerst engagierte und sehr gut ausgebildete Fachkräfte, die ressourcen- und lösungsorientierte Methoden beherrschen, die lebenswelt- und sozialraumorientiert arbeiten können. Das nützt aber alles nichts, wenn die Finanzierungsstrukturen dieses Arbeiten nicht belohnen, sondern bestrafen. Eine Einrichtung kommt an die Grenzen ihrer Existenz, wenn sie tatsächlich so arbeitet, wie dies mit den genannten Konzepten möglich ist. Michael Biene (2013) spricht in diesem Zusammenhang vom Abgabemuster: Die Organisationsstrukturen lenken die sozialarbeiterischen Interaktionen in Bahnen, durch welche die Nutzerinnen und Nutzer ihre Verantwortung für die Lösung der Probleme und damit auch ihre eigene Kreativität und ihr Engagement abgeben: an die Soziale Arbeit. Denn dies lohnt sich finanziell. Die professionelle Fremdhilfe so schnell wie möglich zu beenden, ist nicht attraktiv, es stellt den Geldfluss zur Disposition, die Finanzierung der Träger. Hier brauchen wir unbedingt Innovation, etwa die im Konzept der Sozialraumorientierung geforderten Sozialraumbudgets oder die von Günther Gerhardinger angemahnte tatsächliche Kundenorientierung (die Nutzerinnen und Nutzer bekommen das Geld zur Nachfrage der professionellen Hilfen direkt und nicht die Träger) oder eine am Hilfeerfolg sich ausrichtende Finanzierung.

Letztlich kommen wir an dieser Stelle zu einem Punkt, den ich abschließend ins Gespräch bringen möchte, nämlich die Frage nach der normativen Funktion Sozialer Arbeit. Nach Timo Ackermann (2011) liegt diese in einem liberalen Rechts- und einem sozial Wohlfahrtsstaat wie Deutschland – und dies auch gesetzlich fixiert: in der Ermöglichung und Verstärkung von individueller Selbstverantwortung, sozialer Selbstorganisation und Subsidiarität. Alle meine Thesen und Konzepte laufen letztlich darauf hinaus, dass wir diese normative Funktion ernst nehmen, dass wir die Soziale Arbeit so strukturieren, dass wir tatsächlich die Menschen in ihren Lebenswelten stärken, dass wir deren Selbstwirksamkeit erhöhen.

Eckl: Ich möchte zum Ende dieser Diskussion noch auf zwei Aspekte Ihrer Argumentation eingehen. Erstens auf die Organisationsstrukturen, die der „Hilfe zur Selbsthilfe“ nach Ihrer Auffassung entgegenwirkt. Ich schätze Ihre Expertise sehr, insbesondere im Feld der Hilfe zur Erziehung. Aber – und hier wiederhole ich mich – bisher gibt es keine mir bekannten Studien, die dieses Phänomen flächendeckend nachweisen. Ich denke auch, dass in der Praxis viele solcher Fälle existieren, jedoch wäre ich mit der Bewertung über deren Ausmaße vorsichtiger. Hier ist auf jeden Fall der Raum für ein größeres Forschungsvorhaben gegeben.

Zweitens – und nun möchte ich auch etwas über die normative Funktion der Sozialen Arbeit sagen – ist das stärken der Adressaten in ihrer Lebenswelt – und die Erhöhung ihrer Selbstwirksamkeit – ein sehr wichtiges normatives Ziel der Sozialen Arbeit. Aber – und dies möchte ich mit aller Kraft betonen – es ist ein Ziel unter vielen anderen. Denn bleibt Freiheit und Selbstbestimmung auf der Ebene einer individuellen Logik, kann Soziale Gerechtigkeit nicht erreicht werden. Denn Freiheit ist immer auch in Hinblick mit einer veränderbaren und gestaltbaren Sozialordnung verknüpft. So betont Hosemann (2015) in Bezug auf Honneth: „Selbstverwirklichung ist auf eine Sozialordnung angewiesen, die reflexiv auf die Herstellung gerechter Verhältnisse zielt. Dafür sind entsprechende Institutionen notwendig. Für Honneth bedeutet das: Gerechtigkeit ist sozial fundiert und die Institutionen sind nicht Ergebnis sondern integraler Bestandteil (Voraussetzung) der Verwirklichung von Freiheit und sozialer Gerechtigkeit.“ (Hosemann 2015, S. 47).

Kleve: Abschließend machen Sie ein weiteres Thema auf, nämlich soziale Gerechtigkeit. Hierzu könnten wir einen neuen Dialog beginnen. Aus liberaler Sicht kann hier gefragt werden, ob es um Chancen- oder Ergebnisgerechtigkeit gehen soll. Wenn allen die gleichen Chancen gegeben werden (was unbedingt gefordert werden sollte, siehe dazu aktuell Fratzscher 2016), heißt das noch lange nicht, dass sie auch identische Ergebnisse, dieselben Ziele erreichen. Dies ist von unterschiedlichsten Bedingungen abhängig, die Sie kaum planend und zielgerichtet gestalten können. Wenn sie soziale Gerechtigkeit im Sinne einer Ergebnisgerechtigkeit verstehen, dann haben Sie der Sozialen Arbeit eine nicht lösbare Aufgabe aufgegeben, die letztlich mit einer immer weiter getriebenen Aufgabenerweiterung auf der Seite der Sozialen Arbeit und einer Anspruchsinflation auf der Seite der Bürger/inne einhergeht, wie Luhmann (1981) dies in seiner Theorie des Wohlfahrtsstaates beschrieben hat.

Wo ich Ihnen zustimme ist, dass es tatsächlich um das Austarieren von individuellen Belangen wie etwa Selbstverwirklichung und Verantwortung im Kontext von Sozialordnungen geht. Bewusst spreche ich im Plural von Sozialordnungen. Denn wir leben in einer Gesellschaft, in der wir mindestens zwei unterschiedliche soziale Logiken unterscheiden können (und hier setze ich mich von Luhmann ab), die mit Jürgen Habermas als System- und als Lebenswelt oder mit von Hayek als anonyme große Gesellschaft und als private kleine Gesellschaft bezeichnet werden könnten. Wir sollten aufpassen, dass wir das, was wir im Freundes- und Familienkreis (Lebenswelt, kleine Gesellschaft) voraussetzen und erwarten, nicht von den Funktionssystemen (etwa Wirtschaft oder Politik als Systeme bzw. große Gesellschaft) erwarten. Während Habermas vor der systemischen Kolonialisierung der Lebenswelten gewarnt hat, könnten wir mit Luhmann und von Hayek genauso berechtigt vor der lebensweltlichen Kolonialisierung der Systeme warnen. Ein schönes Beispiel, wie die Ansprüche an Gegenseitigkeit und Gerechtigkeit von Familien und Freunden in die große Gesellschaft hinein getragen werden, ist Ulrich Schneiders Buch „Mehr Mensch“ (2014).

Ich danke Ihnen für den Dialog und hoffe, dass wir bei den Leserinnen und Lesern ein Nachdenken anregen, dass zu eigenen Positionen und Thesen führt, dass das Selberdenken und Selbermachen herausfordert.

Literatur:

Ackermann, Timo: Fallstricke Sozialer Arbeit. Systemtheoretische, psychoanalytische und marxistische Perspektiven. Heidelberg 2011.

Akerlof, George: The Market for “Lomons”: Quality Uncertainty and the Market Mechanism. In: The Quarterly Journal of Economics. 3/1970. S. 488-500.

Biene, Michael: Einblicke in die Praxis der Elternaktivierung nach dem SIT-Ansatz. In: Rhein, Volker (Hrsg.): Moderne Heimerziehung heute. Band 4: Systemische Interaktionstherapie und unterstützende Methoden in der Praxis. Herne 2013.

Binswagner, Mathias: Sinnlose Wettbewerbe. Warum wir immer mehr Unsinn produzieren. Freiburg 2010.

Bode, Ingo: Einbettung und Kontingenz. Wohlfahrtsmärkte und ihre Effekte im Spiegel der neueren Wirtschaftssoziologie. In: Zeitschrift für Soziologie 4/2005, S. 250–269.

Bolz, Norbert: Das konsumistische Manifest. München 2002.

Bolz, Norbert: Die ungeliebte Freiheit. Ein Lagebericht. München 2009.

Bolz, Norbert: Profit für alle. Soziale Gerechtigkeit neu denken. Hamburg 2009.

Bröckling, Ulrich: Das unternehmerische Selbst. Soziologie einer Subjektivierungsform. Frankfurt am Main 2007.

Eckl, Markus: Soziale Arbeit und Wirtschaft. Eine alternative Perspektive zur aktuellen Debatte. In: Soziale Arbeit 4/2016, S. 122-128.

Fratzscher, Marcel: Verteilungskampf. Warum Deutschland immer ungleicher wird. München 2016.

Fuchs, Peter: Adressabilität als Grundbegriff der soziologischen Systemtheorie. In: Soziale Systeme 3/1997.

Gerhardinger, Günter. Zur Ökonomisierung Sozialer Arbeit – Chancen und Risiken der Privatisierung sozialer Dienstleistungen. Abrufbar unter: http://gerhardinger-online.de/1409588.htm, 2004 [14.02.2016].

Gracia-Parpet, Marie-France: Do economists make markets? On the performativity of economics. Princeton 2007.

Granovetter, Mark: Economic Action and Social Structure. The Problem of Emdeddedness. In: American Journal of Sociology 3/1985. S. 481-510.

Hank, Rainer: Links, wo das Herz schlägt. Inventur einer politischen Idee. München 2015.

Hayek, Friedrich August (1974). Die Anmaßung von Wissen. In: Vanberg, Viktor J. (Hrsg.): Hayek Lesebuch. Tübingen 2011.

Hayek, Friedrich August: Der Weg zur Knechtschaft. München 1944.

Hayek, Friedrich August: Die marktliche Ordnung oder Katallaxie. Gesammelte Schriften, Band 4, Recht, Gesetz und Freiheit. Tübingen 1973.

Hayek, Friedrich August: Die Theorie komplexer Phänomene. In: Vanberg, Viktor J. (Hrsg.): Hayek Lesebuch. Tübingen 2011.

Heiberger, Raphael H.: Die soziale Konstruktion von Preisen. Beeinflussung von Kultur, Netzwerken und institutionellen Regeln von Aktienkursen. Wiesbaden 2015.

Hosemann, Wilfried: Soziale Gerechtigkeit. Zum Selbstverständnis in der Sozialen Arbeit. In: Soziale Arbeit 2/2015. S. 42-50.

Kleve, Heiko: Die Wirtschaft der Sozialen Arbeit. Zum ambivalenten Wechselverhältnis von Geld und Helfen. In: Soziale Arbeit 5/6/2015, S. 122-128.

Lessenich,  Stephan: Mobilität  und  Kontrolle.  Zur  Dialektik  der  Aktivgesellschaft.  In: Dörre,  Klaus;  Lessenich,  Stephan;  Rosa,  Hartmut:  Soziologie  – Kapitalismus  – Kritik. Eine Debatte. Frankfurt am Main 2010.

Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft. Frankfurt am Main 1997.

Luhmann, Niklas: Politische Theorie im Wohlfahrtsstaat. München 1981.

Mises, Ludwig von: Liberalismus. Sankt Augustin 1927.

Mises, Ludwig von: Nationalökonomie. Theorie des Handelns und Wirtschaftens. Genf 1940

Mises, Ludwig von: Human Action. A Treatise on Economics. Eastford 1949.

Möhring-Hesse, Matthias: Die Kehrseite dessen, was man gemeinhin „Ökonomisierung nennt. Zur Kritik der Verstaatlichung der sozialen Dienste. In: Ethik Journal, Heft 1/2015, S. 1-22.

Münch, Richard: Theorie des Handelns. Zur Rekonstruktion der Beiträge von Talcott Parsons, Emile Durkheim und Max Weber. Frankfurt am Main 1982.

Nassehi, Armin: Die letzte Stunde der Wahrheit. Warum rechts und links keine Alternativen mehr sind und Gesellschaft ganz anders beschrieben werden muss. Hamburg 2015.

Parsons, Talcott: Social systems and the evolution of action theory. New York 1977.

Priddat, Birger P.: Wir werden zu Tode geprüft. Wie man trotz Bachelor, Master & Bolonia intelligent studiert. Hamburg 2014.

Schimank, Uwe: Die Moderne: eine funktional differenzierte kapitalistische Gesellschaft. In: Berliner Journal für Soziologie 3/2009, S. 327-351.

Schimank, Uwe; Volkmann, Ute: Ökonomisierung der Gesellschaft. In: Maurer, Andrea (Hrsg.) Handbuch der Wirtschaftssoziologie. Wiesbaden 2008.

Schneider, Ulrich: Mehr Mensch. Gegen die Ökonomisierung des Sozialen. Frankfurt am Main 2014.

Sedlacek, Tomas: Die Ökonomie von Gut und Böse. München 2009.

#sozialarbeit

Was ist Kritik? Oder über die Unterschiede zwischen Gesellschafts-, Theorie- und Normenkritik

Das Wort „Kritik“ ist vom Französischen critique abgeleitet, was wiederum eine griechische Wurzel hat (kritikē, krínein), die ins Deutsche mit Verben wie „trennen“ und „unterscheiden“ übersetzt werden kann.[1] Die unterschiedlichen Formen von Kritik, von denen hier vier skizziert werden, gehen genau von solchen Unterscheidungen bzw. Trennungen aus.

Normativ-positive Gesellschaftskritik

Eine normativ-positive Gesellschaftskritik kann in kritischen sozialwissenschaftlichen und sozialphilosophischen Positionen recht häufig beobachtet werden. Dieser Kritik liegt die Unterscheidung zwischen beobachtbaren gesellschaftlichen Zuständen, einem Ist-Phänomenbereich und erwünschten sozialen Zuständen, also entsprechenden Sollwerten zugrunde. Ausgehend von einer Norm, wie die Gesellschaft, das Soziale bestenfalls sein sollte, müsste oder könnte, wird die konstatierte soziale Realität als unzureichend abgewertet. Beobachtete soziale Phänomene werden an positiven Idealzuständen (etwa an der marxistischen Idee des Sozialismus/Kommunismus, der weltweiten Realisierung der Menschenrechte oder eine inklusiven Gesellschaft) gemessen und davon ausgehend als problematisch, menschenfeindlich etc. bewertet. Häufig geht eine solche normativ-positive Kritik mit Moral einher: Es werden diejenigen geachtet, als Gruppe bzw. Kollektiv identifiziert, die diese Kritik teilen; und jene, die die Kritik nicht teilen, diesbezüglich Neutralität zeigen oder gar als Verteidiger der problematisierten gesellschaftlichen Zustände wahrgenommen werden, erfahren Ablehnung, Missachtung. In Konfrontation mit den kritisierten gesellschaftlichen Zuständen und in Auseinandersetzung mit den vermeintlichen Profiteuren und Verteidigern dieser Zustände identifizieren sich die Kritiker als zusammengehörig, als an einem Strang ziehendes Kollektiv, kurz: als „die Guten“ in kritischer und ablehnender Abgrenzung von „den Bösen“.

Damit zeigt sich, dass normativ-positive Gesellschaftskritik auch eine sozialpsychologische Funktion haben kann: Sie schafft eine Gruppen- bzw. Kollektividentität. Diese Funktion bleibt jedoch zumeist latent, untergründig und wird selten expliziert. Sichtbar wird sie in gemeinsamen Massenveranstaltungen – z.B. in klassischer Weise: auf Demonstrationen gegen als problematisch markierte gesellschaftliche Zustände oder in Formen, die das Internetzeitalter ermöglicht: in digitalen Protestwellen in den sozialen Digitalnetzwerken. Vordergründig zeigt sich die Funktion dieser Kritik jedoch anders, nämlich als sozialer Konflikt, als Konfrontation von widerstreitenden Polen, etwa der Veränderung, des Wandels auf der einen Seite und der Beharrung auf der anderen Seite. Kritik wird damit ein Versuch, die Gesellschaft umzusteuern, um die Differenz zwischen dem beobachteten Ist- und dem angestrebten Soll-Zustand zu verringern bzw. gänzlich einzuebnen.[2]

Normativ-negative Gesellschaftskritik

Eine normativ-negative Gesellschaftskritik unterscheidet ebenfalls einen bestmöglichen gesellschaftlichen Zustand von einer als problematisch beobachteten sozialen Realität. Allerdings enthält sich diese Kritik der positiven Bestimmung des Idealzustandes – das, was schwierig läuft, was abzulehnen, grundsätzlich infrage zu stellen ist, wird benannt, ohne jedoch eine konkrete Utopie zu beschreiben, wie es besser sein könnte. Als maßgeblicher sozialphilosophischer Begründer einen solchen normativ-negativen Gesellschaftskritik kann Theodor W. Adorno gelten, der diese Art der Kritik in seinem bekannten Aphorismus, dass es „kein richtigen Leben im falschen [gibt]“[3] zum Ausdruck bringt. Demnach lassen sich positive gesellschaftliche Zustände nicht nachdenkend oder kommunizierend in einem gesellschaftlichen Kontext entwickeln, der von seinen gesamten sozialen Lebensbedingungen her „falsch“ ist, die Menschen mithin entfremdet von ihren ureigenen Bedürfnissen und Interessen. Der unmittelbare Zugriff auf diese Interessen jedoch könnte als Voraussetzung gelten, um ein positives Sozial- und Gesellschaftsbild zu zeichnen, das anzustreben ist. Für die normativ-negative Gesellschaftskritik läuft der gesellschaftliche Wandel, den diese Kritik ebenfalls anstrebt, über die Negation der aktuellen gesellschaftlichen Verhältnisse, über die stete Ablehnung dieser, über das Benennen von Fehlern, Schwachstellen, Problemen und Übeln innerhalb der Gesellschaft und ihrer sozialen Verhältnisse.

Die Funktionen dieser Kritik kann auch wieder mit einer latenten und einer manifesten Seite beschrieben werden: Latent führt auch diese Kritik zur Gruppen- und Kollektividentität all derer, die sich einig sind im Dagegen-Sein, etwa gegen den Kapitalismus, gegen Atomkraft, gegen die Zentralbanken etc., kurz: vereint in der Ablehnung gegen das Bestehende. Allerdings ist die Kritik durchaus gesellschaftsverändernd: Indem sie die Finger in die Wunden gesellschaftlicher Entwicklungen legt, bringt sie, zumindest wenn sie eine kritische Masse erreicht, die aktuellen Zustände ins Trudeln, irritiert und provoziert sie den gesellschaftlichen Status Quo – ohne jedoch steuern und manipulieren zu können, wie und welche neuen sozialen Zustände sich einpendeln.

Empirische Theoriekritik

Die empirische Theoriekritik problematisiert nicht die beobachtete Realität der sozialen Verhältnisse, sondern konfrontiert theoretische Reflexionen dieser Verhältnisse mit ihren Fehl- und Schwachstellen, die ausgehend von beobachteten sozialen Verhältnissen, also empirisch, erfahrungsorientiert benannt werden. Diese Kritik können wir als jene des kritischen Rationalismus von Carl Popper bezeichnen.[4] Demnach geht es darum, theoretische Aussagen, die letztlich immer Annahmen, Hypothesen über die Welt sind, auf der Basis der Konfrontation mit dieser Welt auf ihre Fehler, ihre Fehlinterpretationen hin abzusuchen, um sie sodann zu korrigieren. Auch diese Korrektur kann dann wieder der so genannten Falsifikation ausgesetzt werden. Genau dies kennzeichnet nach Popper die kritische wissenschaftliche Haltung: „eine Haltung, die nicht von ‚Verifikation‘ ausging, sondern kritische Überprüfungen suchte: Überprüfungen, die die Theorie widerlegen konnten, aber nicht verifizieren“.[5] Zwischen Theorien und Wirklichkeit bleiben für diese Form der Kritik immer Differenzen und Trennungen bestehen, eben genauso wie zwischen Speisekarte und Speise oder Landkarte und Gebiet. Theorien bleiben Ansammlungen von Hypothesen. Dennoch sollten diese Hypothesen, wie dies der erkenntnistheoretische Konstruktivismus benennt, eine Nützlichkeit und Brauchbarkeit hinsichtlich der Orientierung in der Welt ermöglichen.[6] Sollte diese so genannte Viabilität der Theorien nicht gegeben sein, können wir sie als von der Erfahrung widerlegt, falsifiziert ansehen.

Die Funktion dieser Kritik könnten wir evolutionär betrachten: In der stetigen Konfrontation mit der empirisch erfassbaren Wirklichkeit wandeln und entwickeln sich Theorien, um brauchbare und nützliche Orientierungen, Landkarten und Modelle unserer Welterfahrungen und Handlungen zu ordnen, zu systematisieren, zu erklären und zu verstehen – ohne jemals jedoch die Welt, wie sie „wirklich“ oder „real“ ist, abbilden zu können. Eine weitere, eher latente Funktion dieser empirischen Theoriekritik ist die Ausbildung einer Haltung der Bescheidenheit und Skepsis – bescheiden bleiben wir angesichts dieser Kritik, da wir keine Möglichkeiten haben, Wahrheit zu erreichen; skeptisch werden wir, wenn behauptet wird, die Wahrheit verkünden zu können.

Empirische Normenkritik

Die empirische Normenkritik thematisiert und problematisiert die Differenz zwischen normativen Konzepten, etwa von normativ-positiven Gesellschaftskritiken und den sozialen Wirkungen, die die Versuche, die Gesellschaft entsprechend den theoretischen Postulaten zu verändern, zeitigen. Damit wird zugleich eine zweite Differenz sichtbar, nämlich jene zwischen den „guten“ Handlungsabsichten und den „schlechten“ Handlungsfolgen. Denn die guten normativen Intentionen, die gefühlte, die gedachte und die gemeinte Menschenfreundlichkeit die dem normativen Handeln zugrunde liegt, schlägt nur allzu häufig in negative, etwa menschenfeindliche Effekte um. Diese unerfreuliche Verquickung des „Guten“ mit dem „Bösen“ ist das Thema der aus meiner Sicht besten Schriften der modernen Sozialphilosophie des 20. Jahrhunderts. So wurde beispielsweise in drei solchen modernen Klassikern, und zwar in Dialektik der Aufklärung von Theodor W. Adorno und Max Horkheimer[7], in Die offene Gesellschaft und ihre Feinde von Karl Popper[8] und in Der Weg zur Knechtschaft von Friedrich August von Hayek[9] verdeutlicht, wie große gesellschaftliche Projekte, insbesondere die Aufklärung, Rationalität und Vernunft (thematisiert von Adorno/Horkheimer), großangelegte Gesellschaftsvisionen, die das soziale Ganze zu transformieren suchen (thematisiert von Popper) und planwirtschaftliche, die Marktwirtschaft eindämmende Politikkonzepte (thematisiert von Hayek) letztlich zu äußerst menschenfeindlichen Realitäten führen: zur verwalteten, die individuellen Freiheiten extrem einschränkenden Gesellschaften des Faschismus, Stalinismus und Realsozialismus.

Empirische Normenkritik bedeutet also, dass großangelegte kritisch daher kommende Gesellschaftskonzepte, die sich selbst als normativ-positive Gesellschaftskritiken präsentieren, konfrontiert werden, mit den problematischen Wirkungen ihrer gesellschaftlichen Transformations- und Steuerungsbemühungen. So ist die Funktion dieser Kritik, dass wir immun werden gegen Normen und Ideale, die zwar hehre Ziele avisieren, Erlösung aus allen Übeln anbieten, die aber letztlich menschenfeindliche Ergebnisse, totalitäre Strukturen und Unfreiheit herausfordern.

*

Zusammenfassend können wir sagen, dass Kritik als Differenz von sozialer Wirklichkeit und theoretischen Annahmen auftritt, um davon ausgehend entweder die Wirklichkeit an der Theorie zu messen oder gar steuernd zu verändern (normative Gesellschaftskritik) oder umgekehrt: die Theorien mit der sozialen Wirklichkeit konfrontiert, um sie wirklichkeits- bzw. praxistauglicher zu gestalten. Theorie auf der Höhe der Zeit, mithin postmoderne Theorie, setzt Kritik auch gegen sich selbst an, hadert mit sich und kultiviert den Selbstzweifel – gerade dies kann als Marken- und Qualitätszeichen angemessener Theorie im Gegensatz zur Ideologie verstanden werden.[10]

 

[1]Vgl. Wikipedia, https://de.wikipedia.org/wiki/Kritik [25.06.2015].

[2]Vgl. ausführlich und aufschlussreich dazu: Thilo Hagendorff (2014): Sozialkritik und soziale Steuerung. Zur Methodologie systemangepasster Aufklärung. Bielefeld: transcript.

[3]Theodor W. Adorno (1951): Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben. Frankfurt/M: Suhrkamp (2001), S. 59.

[4]Siehe als Einführung etwa Karl R. Popper (1974): Ausgangspunkte. Meine intellektuelle Entwicklung. München: Piper (2004).

[5]Ebd., S. 48.

[6]Vgl. Siegfried J. Schmidt (1994): Kognitive Autonomie und soziale Orientierung. Frankfurt/M.: Suhrkamp, S. 135.

[7]Erstveröffentlichung 1944, mir vorliegende Ausgabe: Leipzig: Reclam (1989).

[8]Erstveröffentlichung 1950, mir vorliegende Ausgabe: Tübingen: Mohr Siebeck (2003).

[9]Erstveröffentlichung 1945, mir vorliegende Ausgabe: München: Olzog (2011).

[10]Vgl. Peter Zima (1989): Ideologie und Theorie. Eine Diskurskritik. Tübingen: Francke.

[11]Walter Hollstein/Marianne Meinhold (Hrsg.): Sozialarbeit unter kapitalistischen Produktionsbedingungen. Frankfurt/M.: Fischer.

Systemliberalismus und das Elend der Welt

Liberalismus versus Neoliberalismus-Kritik

Aufmerksamen Leserinnen und Lesern meiner Facebook-Posts, Blog- und Zeitschriften-Beiträge wird aufgefallen sein, dass ich mich seit einiger Zeit mit Theorien, Haltungen und Methoden befasse, die auf aktuelle gesellschaftliche Fragestellungen Antworten anbieten, die dem breiten Strom liberaler Positionen zugeordnet werden könnten, also als klassisch liberal, neoliberal, radikal liberal oder libertär bewertet werden könnten. Als Provokation für viele, die wie ich in den Kontexten der Wissenschaft und Praxis der Sozialen Arbeit zuhause und unterwegs sind, wirkt vor allem meine positive, kritisch befürwortende Rezeption dieser Positionen und Reflexionen. Denn den genannten liberalen Richtungen sind normative Vorentscheidungen eigen, die im Mainstream der praktischen wie wissenschaftlich reflektierenden Sozialen Arbeit kritisch bis ablehnend gesehen werden.

Der Liberalismus in klassischer wie neuer, auch radikaler bis libertärer Form verteidigt nicht nur unsere politischen, rechtlichen, wissenschaftlichen, künstlerischen, religiösen oder massenmedialen Freiheiten als soziale Grundmerkmale und individuelle Menschenrechte in der modernen Gesellschaft. Als materielle Voraussetzung der genannten Freiheiten wird die wirtschaftliche Freiheit herausgestellt, die Ordnung des freien Marktes, die ökonomische Dynamik des Kapitalismus.

Hinsichtlich des Verhältnisses von staatlicher Politik und Wirtschaft lassen sich liberale Positionen auf die knappe Formel bringen: So viel Staat wie nötig, so wenig Staat wie möglich. Der Staat und das Recht werden als ordnende Rahmen gesehen, die die freie Entfaltung der Einzelnen und der gesellschaftlichen Systeme wie Wissenschaft, Massenmedien, Kunst, Religion und eben der Wirtschaft ermöglichen und schützen. Eingriffe des Staates, politische Interventionen sollten gänzlich vermieden werden, da sie ohnehin nicht determinierend möglich sind, sondern die Selbstorganisation und Eigendynamik der Systeme häufig in problematischer Weise stören. Staat und Recht setzen jedoch Kontextbedingungen, ökologische Rahmen, etablieren als Gesetze fixierte Normen, die die freie Systementfaltung ermöglichen, schützen und sichern.

Systemliberalismus und Soziale Arbeit

Da sich diese Thesen nicht nur mit den klassischen wie neueren sozialphilosophischen und ökonomischen Theorien der Liberalismus unterfüttern lassen, sondern auch systemtheoretisch, könnte meine Position auch als Systemliberalismus bezeichnet werden.

Dieser Systemliberalismus macht auch vor der Sozialen Arbeit nicht halt, sondern versucht, das Verhältnis dieser Profession zur Wirtschaft und zur Politik neu zu denken. Hinsichtlich der Wirtschaft wird nicht weniger, sondern mehr Markt, etwa tatsächliche Kundenorientierung eingefordert. Hinsichtlich des Staates werden nicht mehr politische Einflussnahmen und gegenseitige Verflechtungen, sondern weniger davon postuliert. Und die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen der Sozialen Arbeit gilt es so zu gestalten, dass die ökonomischen Anreize für die Organisationen der Sozialen Arbeit den fachlichen und ethischen Normen entsprechen, die eindeutig als liberal bewertet werden können und sich als Stärkung und Ermöglichung lebensweltlicher Selbstorganisation und individueller Autonomie bezeichnen lassen. Die stärkere Unabhängigkeit von der staatlichen Politik bedeutet auch, sich zu öffnen für alternative Finanzquellen Sozialer Arbeit (etwa aus Unternehmen und Stiftungen) und damit auch für eine breitere zivilgesellschaftliche Verankerung der Profession, die weniger als handelnder Arm des Sozialstaates gesehen wird, sondern eher als unabhängige Dienstleistung professioneller Hilfe. Wäre beispielsweise der Arbeitsmarkt der Sozialen Arbeit weniger staatlich reguliert und finanziert, sondern freier, also zivilgesellschaftlich verankert, von der Wirtschaft und von Stiftungen ökonomisch geprägt, würden in der aktuellen Situation des Fachkräftemangels, der gestiegenen Nachfrage nach Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern die Löhne steigen. Es ist ein basaler wirtschaftlicher Zusammenhang, der in freien Märkten regelmäßig beobachtbar ist, dass die Preise (etwa in Form der Gehälter von Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern) steigen bei erhöhter Nachfrage und einem gleichbleibenden oder gar zurückgehenden Angebot.

Wirtschaftliche Freiheit als materielle Basis der Gesellschaft

Dieser kurze Ausflug in meine aktuellen Forschungsaktivitäten, die durchaus als Versuch bewertet werden könnten, einen Systemliberalismus zu entwickeln, der auch brauchbar auf die Reflexion und Gestaltung der Sozialen Arbeit anwendbar ist, soll der Sorge von Kolleginnen und Kollegen entgegengestellt werden, die meine aktuellen Aktivitäten als gefährlich oder zynisch bewerten. Heute, so die Positionen dieser Kolleginnen und Kollegen, müsse der Kapitalismus kritisiert und nicht verteidigt werden. Die Probleme in der Welt, das Elend, das wir auch in unseren Regionen der Weltgesellschaft sehen, die Prekarisierung der Arbeitsverhältnisse (vor allem auch in der Sozialen Arbeit) würden uns doch eindeutig zeigen, wo der Feind sitze: im kapitalistischen Wirtschaftssystem, das seine ökonomischen Prinzipien der gesamten Gesellschaft mehr und mehr aufdrücke und das seine politische Ideologie des Neoliberalismus in alle öffentlichen Debatten unserer Gesellschaft hineindrücke.

Vergessen wird bei dieser Kritik, dass unsere gesamten oben genannten Freiheiten sowie die Ausdifferenzierung professioneller Sozialer Arbeit eine materielle Basis benötigen, die umso stabiler ist, desto besser das Wirtschaftssystem sich entfalten und konsolidieren kann. Und dieses System wiederum ist abhängig von auf dem Markt agierenden Unternehmen, die ihre gesamte Kreativität letztlich dafür aufbringen, um die Nachfrage der Kunden zu befriedigen.

Ich bin im Realsozialismus der DDR aufgewachsen und habe erlebt, welche erdrückende Dynamik entsteht, wenn sich die Politik anschickt, die gesamte Gesellschaft politisch zu planen und zu steuern. Die Unfreiheit, die sich damit in allen Systemen etablierte, also nicht nur politische, sondern eben auch rechtliche, wissenschaftliche, künstlerische, massenmediale, religiöse und vor allem auch wirtschaftliche Selbststeuerungen verhinderte, lag wie Blei auf allen sozialen Beziehungen. Auch diese Erfahrungen sind eine Antriebskraft für mich, utopische Vorstellungen jenseits der Marktwirtschaft kritisch zu betrachten und die derzeit wieder (etwa durch Terrorismus oder erstarkenden Rechtsradikalismus) in Gefahr stehenden Freiheiten der Moderne in ihren Möglichkeiten und Grenzen zu ergründen, zu verstehen und letztlich zu verteidigen. Daher will ich mit einem Zitat meiner aktuellen Lektüre schließen. Der Kieler Sozialphilosoph Wolfgang Kersting (2012, Wie gerecht ist der Markt? Hamburg, S. 24) formuliert wortstark in seiner Auseinandersetzung mit den ethischen Perspektiven der Marktwirtschaft:

„Die Marktwirtschaft ist nicht nur das effizienteste System der Ressourcenverwertung und Güterversorgung. Der Markt ist auch eine wertverwirklichende, eine moralische Ordnung. Er ist eine Schule der Selbstverantwortung und planenden Rationalität, der Anpassungsfähigkeit und der Selbsterweiterung; er verlangt eine stete Bereitschaft zum Umlernen und zur Weiterbildung; er fordert Offenheit fürs Neue; auf der anderen Seite aber prämiert er Zuverlässigkeit und Berechenbarkeit. Er fördert somit die Entwicklung fundamentaler menschlicher ethischer Einstellungen und kognitiver Kapazitäten. Er führt zur Mehrung des Wohlstandes und zu einer steten Verbesserung des allgemeinen Versorgungsniveaus. Er ist die menschlichste, weil endlichkeitsbewussteste Veranstaltung; denn Endlichkeit bedeutet Knappheit; Knappheit verlangt klugen Einsatz der Ressourcen, der Rohstoffe, der Arbeit und des Wissens. Kein anderes Wirtschaftssystem garantiert einen effizienteren Einsatz materieller und immaterieller Produktionsmittel. Insofern ist der Markt institutionalisierte Menschenliebe […] Der Markt ist struktureller Altruismus; um meine eigene Nutzenposition zu verbessern, muss ich anderen die Verbesserung ihrer Nutzenposition ermöglichen.“

Die Ost/West-Differenz – theoretische, biographische und historische Reflexionen zu einer ambivalenten und prägenden Unterscheidung

Dieser Text wurde zuerst publiziert in: Alice. Magazin der Alice-Salomon-Fachhochschule Berlin, Heft 6/2003, S. 28-31. Er bezieht sich auch auf die Tatsache, dass diese Hochschule Mitte der 2000er Jahre vom Westberliner Stadtbezirk Schöneberg in den Ostberliner Plattenbaubezirk Hellersdorf gezogen ist.

 

„Ost und West, das ist seit der Wiedervereinigung eine

Unterscheidung, die viele Unterscheidungen bündelt

und durchfärbt, politische, ökonomische, künstlerische,

religiöse, wissenschaftliche, alltägliche Unterscheidungen,

die in mannigfachen Hinsichten plötzlich einer schwer zu

beschreibenden Subversion unterliegen, die sogar die

Wahrnehmung beeinflußt, die Wahrnehmung von Menschen

Situationen, Städten und Landschaften: als eine Art

unentwegter Einflüsterung, durch die bestimmte Anschlüsse

ermöglicht, andere ausgeschlossen werden, ein mächtiges

Soufflieren, das die Kommunikation zwischen Ost und West

und über Ost und West schwierig macht, und das bis in die

feinsten Verästelungen alltäglicher Interaktion hinein.“

 Peter Fuchs[1]

 

Differenztheoretischer Problemaufriss

Der englische Logiker George Spencer-Brown lehrt uns, dass wir unsere Wirklichkeiten durch das Setzen von Unterscheidungen konstruieren.[2] Draw a distinction and you create an universe. In Abhängigkeit davon, wie wir unterscheiden, scheint ein ganz spezifisches Universum auf, eine Wirklichkeit, die etwas einschließt und die etwas ausschließt. Indem eine Seite bezeichnet wird, etwa mit „Ost“, läuft bei dieser Bezeichnung eine unbezeichnete Seite mit, die alles das beinhaltet (gewissermaßen den Rest der Welt), was durch die bezeichnete Seite, eben durch Ost, nicht eingeschlossen wird.[3] Aber wir bezeichnen hier mit der Ost/West-Differenz ja gleich zwei Seiten einer Unterscheidung, eine Ost- und eine West-Seite und kommunizieren damit, dass es hier um zwei Seiten geht, die sich gegenseitig ausschließen; was Ost ist, kann nicht zugleich West sein, und umgekehrt. Wir sind mit einem Ausschließungsverhältnis konfrontiert, mit einem Satz vom ausgeschlossenen Dritten: Tertium non datur. Sobald wir den Kompass der Unterscheidung Ost/West in Anschlag bringen, wird entweder West oder Ost angezeigt. Die Kompassnadel spaltet sich nicht auf, verdoppelt sich nicht, sie zeigt nicht sowohl das eine als auch das andere, nicht zugleich beides an.

Die Frage, die sich hier stellt, und der ich im Folgenden nachgehen will, ist freilich, ob der Ost/West-Kompass überhaupt noch etwas taugt, um soziale Verhältnisse, zumal an der Alice-Salomon-Fachhochschule (mit ihrer West-Vergangenheit und ihrer Ost-Gegenwart), auszumessen. Denn es könnte ja sein, dass die Ost/West-Differenz der beschriebenen Entweder/Oder-Ausschließungslogik nicht mehr gehorcht.

Die (ambivalente) kognitive und die (prägende) sozial-strukturelle Ost/West-Differenz

Inzwischen haben sich, so meine Vermutung, Ambivalenzen eingeschlichen, die die klare Differenz zwischen Ost und West verwischen, die die Subversion dieser Unterscheidung anzeigen und den Beobachter, der (noch) auf der Grundlage dieses Rasters beobachtet, mit unhintergehbaren Unentscheidbarkeiten konfrontiert. Inzwischen kann möglicherweise nicht mehr klar unterschieden werden, was – in welchen Hinsichten auch immer – Osten und was Westen ist. Die Unterscheidung Ost/West dekonstruiert sich gewissermaßen selbst.

An einer solchen Dekonstruktion bzw. Unterscheidungsambivalenz angekommen, ist dann gerade die Reaktion derjenigen interessant, die nach wie vor mit Hilfe dieser Unterscheidung beobachten und plötzlich merken, wie ihre Unterscheidung ambivalent wird, weil deren Trennungsfunktion nicht mehr die klare und eindeutige Beobachtung auswirft, die erwartet wurde und sich vielleicht noch vor einiger Zeit, vor ein paar Jahren wie von selbst einstellte. Mittlerweile kann die Beobachtung auf der Grundlage der infrage stehenden Unterscheidung also zu einer Kipp-Bilderrealität, zu einer vexierbildartigen Wirklichkeit führen. Plötzlich offenbart sich etwas, was irgendwann einmal Westen bedeutet hat, als Osten, und umgekehrt. Die Klarheit der Verhältnisse, ja die Ordnung der Dinge beginnt zu verschwimmen, kurz: die Ost/West-Unterscheidung kollabiert.

Ich konnte des öfteren ein derartiges Kollabieren miterleben, wenn ich im Kontext von West-KollegInnen meine Ost-Sozialisation lüftete und die erstaunten Aussprüche erntete: „Aber das hätte ich jetzt nicht gedacht, dass du aus dem Osten bist“. Solche Äußerungen sagen m.E. mehr über diejenigen, die sie äußern, als über jene, auf die sie sich beziehen.

Also: Ist die Ost/West-Unterscheidung überhaupt noch relevant, vermag sie noch Beobachtungen zu generieren, die aufgrund der Trennungsfunktion der ihr zugrundeliegenden Differenz eindeutig sind? Stimmt es noch, was Peter Fuchs vor gut acht Jahren, 1995 schrieb,[4] dass nämlich „jene Unterscheidung […] zu einer Art Superdifferenz geworden [ist]“, die „selbstbestätigende Folgen“ hat, die also dazu führt, „genau das [zu] sehen, was bei ihrem Einsatz zu erwarten ist“? Oder produziert diese Unterscheidung inzwischen mehr Unentscheidbarkeit als Klarheit? Enttäuscht der Einsatz dieser Differenz die BeobachterInnen inzwischen öfter als er sie bestätigt?

Meine Annahme ist, dass wir es mit zwei Ebenen dieser einen Differenz zu tun haben: mit einer kognitiven und einer sozial-strukturellen Differenzebene, die erste versagt inzwischen oft, die zweite jedoch scheint ausgesprochen nachhaltig und eindeutig prägend zu sein. Während die kognitive Ost/West-Differenz, mit der als Beobachtungsfolie versucht wird, Menschen bzw. deren Verhaltensweisen zu unterscheiden, immer öfter statt Eindeutigkeit Ambivalenz auswirft, produziert die sozial-strukturelle Ost/West-Differenz weiterhin eindeutige Verhältnisse. Wer gehofft hat, dass die sozial-strukturelle Differenz, die Strukturdifferenz Ost/West mit dem Mauerfall oder der Wiedervereinigung kollabiert ist, der wird sicherlich inzwischen enttäuscht sein.

Ich denke nicht nur an die noch bestehenden Gehaltsunterschiede zwischen Ost und West, die erst kürzlich in den Tarifverhandlungen des öffentliches Dienstes wieder Thema waren, sondern auch an den Generalverdacht, der alle Ostdeutschen potentiell zu MitarbeiterInnen des Staatssicherheitsdienstes macht. Die sozialstrukturelle Differenz wirkt hier weiterhin. Vor allem die Geschichte der jeweiligen sozialen Prägungen, der sozialisatorischen Effekte, die die meisten Menschen in Deutschland zu einer Entweder/Oder-Existenz verurteilte (sie lebten entweder im Osten oder im Westen), zeitigt (noch) Wirkung. Den Menschen war bekanntlich strukturell nur eine Seite jener Unterscheidung zugänglich, deren beide Seiten als Kognitionsfolie jedoch immer wieder eingesetzt wurden, um die anderen und sich selbst zu beobachten. Die Menschen schauten vom Osten in den Westen oder vom Westen in den Osten und kategorisierten ihre Beobachtungen mit dem kognitiven Schema, das inzwischen angefangen hat zu verschwimmen. Ihre jeweils prägende strukturelle Differenzseite brach bis 1989 nicht zusammen. Obwohl viele vom Osten Richtung Westen ausreisten oder flohen, blieben die meisten bis zum Mauerfall dort, wo sie waren, oder mussten dort verharren, wo ihr zuhause war. Und – wie gesagt: auch der Mauerfall führte nicht zu einem Verschwinden dieser prägenden sozialstrukturellen Differenz. Noch einmal: Obwohl die kognitive Differenz Ost/West inzwischen unzuverlässig geworden ist hinsichtlich ihres Potentials, eindeutige Beobachtungen zu generieren, bestehen strukturelle Unterschiede zwischen Ost und West fort, leben die Menschen im Osten immer noch in anderen sozialen Verhältnissen und Erfahrungskontexten als im Westen.

Über die Probleme, die für die Ostdeutschen dadurch entstehen, ließe sich viel schreiben; zum Teil lesen, hören und sehen wir davon täglich in den Medien. Ich möchte jedoch diese Probleme hier nicht vertiefen, sondern anders ansetzen. Mich interessiert die Frage: Welche Erfahrungen haben Menschen gemacht, die von der Ost-Seite der beschriebenen Strukturdifferenz geprägt wurden? Und weiter: Welche Potentiale und Ressourcen könnten aus diesen Erfahrungen resultieren? Aufgrund dieses Interesses möchte ich bekannte Ost-Erfahrungen knapp beschreiben und vielleicht weniger bekannte Ressourcen und Potentiale, die daraus erwuchsen und immer noch erwachsen, benennen.

Die Ost-Seite der Struktur-Differenz: Erfahrungen, Ressourcen und Potentiale

Meine grundsätzliche These lautet, dass die vielleicht bisher nicht wahrgenommenen Ressourcen und Potentiale der Ost-Erfahrung darin liegen, die Wirklichkeit in ihrer potentiellen Brüchigkeit oder – positiver formuliert: ihrer unvorhersehbaren Wandelbarkeit zu sehen. Wer im Osten aufgewachsen ist und bewusst die Ereignisse des ostdeutschen Herbstes 1989 erlebt hat, der hat womöglich etwas erfahren, was seine gesamte Wahrnehmungsordnung unwiderrufbar transformierte. Die Osterfahrung ist eine Erfahrung von der Möglichkeit, dass vermeintlich harte Wirklichkeiten zusammenbrechen können. Was im Oktober und November 1989 passiert ist, das passiert im geschichtlichen Verlauf der Gesellschaft nur selten: dass ein System politischer, ökonomischer, kultureller, kurz: sozialer Ordnung gewissermaßen von heute auf morgen zusammenbricht. Aus dieser Erfahrung könnte resultieren, dass die Ostdeutschen – zumindest, wenn sie der Depression oder dem Zynismus trotzen – eine postmoderne Ironie[5] entwickeln und alle Anschauungen, die als Wahrheit ausgegeben oder als absolut sicher bewertet werden, mit einem leichten Lächeln vernehmen und den Wahrheits- und Sicherheitsverkündern ein Zitat von Robert Musil vor Augen halten: „Nun, es könnte wahrscheinlich auch anders sein.“[6]

Diese postmoderne Ironie, die ich bei ostdeutschen Bekannten und Freunden, aber auch bei mir selbst immer wieder beobachte, hatte einen weiteren Nährboden. Dieser Nährboden war die Tatsache, dass es in der DDR mindestens zwei, wenn nicht drei äußerst relevante soziale Wirklichkeitskontexte gab, die sich antagonistisch gegenüberstanden; so gab es: erstens die private, familiäre oder Nischenwirklichkeit, die häufig auch von der medialen Wirklichkeit des Westfernsehens geprägt wurde; zweitens die offizielle realsozialistische Wirklichkeit, die in den Betrieben, Behörden, Schulen oder anderen öffentlichen Bereichen beobachtet werden konnte und drittens – für bewusst politisch Oppositionelle – die kritische Kirchenwirklichkeit. Jeder dieser unterschiedlichen Realitätskontexte forderte eine andere Denk- und Handlungsweise sowie die Beachtung anderer, ja sich widersprechender Kommunikationsregeln heraus.

Ich bin beispielsweise in einer kleinen Stadt in Mecklenburg aufgewachsen. Im Kreis der Familie, unter Freunden und Bekannten wurde viel über die Alltagsverhältnisse in der DDR geschimpft, z.B. darüber, dass in den Geschäften ein so karges Warenangebot besteht, sodass es dieses oder jenes schon wieder nicht zu kaufen gab. Angesichts dieses Zustandes schwärmten dann viele Ostdeutsche vom reichhaltigen Warenangebot des Westens, welches wir in der Werbung von ARD oder ZDF täglich zu sehen bekamen. Außerdem wurde sich – jedenfalls in meiner Familie – über die westdeutschen politischen Verhältnisse unterhalten, während die Politik der DDR kaum interessierte, da sich dort keine kommunikativ relevanten Ereignisse abzuspielen schienen. In der Schule konnte eine in Bezug zur familiären Wirklichkeit diametral entgegengesetzte Realität erlebt werden. In wöchentlich von uns Schülern durchzuführenden Politikinformationen wurden die „Errungenschaften des Sozialismus“ angepriesen, z.B. dass es im Gegensatz zur BRD in der DDR keine Armut, keine Obdach- und Arbeitslosigkeit gab. Um nicht aufzufallen, durften die im familiären Kreis relevanten Themen in der Schule nicht angesprochen werden, zumindest nicht in der Art, dass LehrerInnen dies hörten. Es musste ein Anschein der hundertprozentigen Konformität gewahrt werden – jedenfalls wenn man unauffällig bleiben wollte, und dies wollten die meisten.

So lernten die DDR-BürgerInnen bereits sehr früh, dass es, um diese Unauffälligkeit zu erhalten, nötig war, zwischen den verschiedenen Wirklichkeiten erfolgreich switchen, hin- und hergehen zu können. Wichtig war in diesem Zusammenhang zu beobachten, wie in den unterschiedlichen Kontexten beobachtet wurde, um seine eigenen Beobachtungen darauf einzustellen. Deshalb waren die Übergänge von einer Wirklichkeitssphäre in eine andere genau zu beachten; denn man musste sehr genau wissen, wann und wo man privat beobachten konnte und wann, wo und wie man offiziell beobachten sollte oder musste. Die Menschen stellten sich permanent zirkuläre Fragen, z.B.: Was würden die anderen, vor allem die VertreterInnen des Staates denken und tun, wenn ich dies oder das sage, unterlasse, tue oder zeige? Die DDR-BürgerInnen waren sich klar darüber, dass nicht so sehr ihre subjektiven Intentionen ihrem Handeln soziale Relevanz gaben (denn die Gedanken sind frei, wie es ja auch in einem bekannten Lied heißt), sondern vielmehr die sozialen, kommunikativen Zuschreibungsprozesse, die gesellschaftlichen Attributionen, wie dies Niklas Luhmann in seiner soziologischen Kommunikationstheorie betont.[7]

Das permanente Stellen der zirkulären Fragen sensibilisierte uns Ostdeutsche für die Bi- bzw. Tri-Kontextualität der DDR; je nachdem in welchem Kontext man sich befand, musste man die Wirklichkeit verschiedenartig beobachten. Das, was in dem einen sozialen Kontext gesagt wurde, durfte in dem anderen kaum gedacht werden. So konnten die Ostdeutschen empfindlich werden für die Relativität von Wirklichkeitskonstruktionen, und das paradoxerweise in einem Land, in dem man offiziell Absolutheiten postulierte. Getragen von der Hegelschen Vorstellung, dass das Ganze das Wahre sei, versuchte man in der DDR alle Differenzen unter dem Banner der politischen Einheit einzuebnen[8] legitimiert von einem vermeintlich dialektisch-materialistischen ‚Wissen’, das als absolut wahr charakterisiert wurde.

Und auf einmal zersprang die Ganzheit, die es ohnehin nur offiziell gab, die in privaten Diskursen seit jeher untergraben wurde. Mit dem Fall der Mauer brach die Totalität, brach das Festhalten an der Ganzheit zusammen. Plötzlich wurden wir Ostdeutschen überwältigt von einer Flut von Möglichkeiten und Differenzen. Nicht mehr offizielle Einheit bzw. inoffizielle Zwei- oder Dreiheit der Welt, sondern Vielheit und Differenz waren plötzlich überall beobachtbar – und das in positiver wie in negativer Hinsicht. Plötzlich konnten die Ostdeutschen aus ihrer DDR-Biographie heraustreten und etwas anderes als bisher machen; ich konnte z.B. die vorgegebene Bahn meiner damaligen Berufswelt verlassen und Sozialarbeit/Sozialpädagogik studieren.

Die Ostdeutschen wurden, ohne dafür sozialisiert zu sein, schlagartig damit konfrontiert, dass sie von nun an immer wieder neu und vor allem selbst entscheiden mussten, wie ihr eigenes Leben weitergehen soll;[9] Ambivalenzen und die Angst, Verantwortung für die eigenen Entscheidungen zu übernehmen, standen damit ebenfalls auf der Tagesordnung. Überdies sahen wir „Ossis“ mit dem Einbruch der „postmodernen Moderne“ (Wolfgang Welsch) bzw. der „Risikogesellschaft“ (Ulrich Beck) bzw. der „funktional differenzierten Gesellschaft“ (Niklas Luhmann) in unsere Lebenswelt jedoch ebenfalls, dass das plötzliche Blühen der Differenz die Konsequenz hatte, dass viele Menschen in die Arbeits- und Obdachlosigkeit fielen, verarmten oder es psycho-sozial nicht bewältigten, dass sie nun ihr Leben selbstverantwortlich gestalten mussten. Jedenfalls konnten wir in dieser Zeit selbst erfahren, was ich einige Zeit später bei Philosophen wie Jean-François Lyotard[10] oder Wolfgang Welsch[11] las: das offensichtliche, nicht mehr aufhaltbare soziale Zersplittern der krampfhaft festgehaltenen Einheit in Pluralität, Differenz und Heterogenität sowie die Unmöglichkeit, dauerhafte diskursive Konsense zu bilden, da schon im nächsten Moment der Widerspruch, der Dissens wahrscheinlich sein wird.

Das Beginnen und Enden von Diskursen mit Dissens und Widerspruch erlebte ich persönlich auch bei meinem politischen Engagement während der Wendezeit 1989/90 in Organisationen der anti-stalinistischen und anti-realsozialistischen linken DDR-Opposition. Hier gab es kaum einheitliche Vorstellungen über das politische Ziel, das nach dem tschechoslowakischen Motto der sechziger Jahre als „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ umschrieben wurde. Vielmehr tobte der Streit darüber, was angesichts der „kapitalistischen Konterrevolution“, wie sich einige ausdrückten, für jene Ost-Linke, welche jenseits von SED/PDS stand, zu tun sei. Diese Konflikte verschärften sich noch dadurch, dass sie natürlich keineswegs in postmoderner oder konstruktivistischer Weise ausgetragen wurden. Denn meistens schien es mir, dass jede der diskutierenden Parteien sich das Urteil anmaßte, nur die eigene Meinung sei die legitime und wahre, während die Meinungen der anderen illegitim und falsch seien. In diesen Diskursen flammte jenes Prinzip wieder auf, das in der DDR von offizieller Seite postuliert wurde: Es kann nur eine wahre Beschreibung geben; alles, was mit dieser nicht kompatibel ist, muss zwangsläufig falsch sein. Wer dann aber durchschaute, dass dieses Prinzip selbst von höchst fragwürdigen Prämissen ausging, der landete – vorausgesetzt, er konnte Zynismus, Verzweifelung und Depression entfliehen – bei der genannten postmodernen Ironie.[12]

Die Ost-Seite der Differenz als Spiegel der West-Seite

Wenn wir heute zurückblicken und nach den Prägungen der Strukturdifferenz Ost/West schauen, dann sehen wir auf der Ost-Seite Erfahrungen, die zu zweierlei geführt haben – erstens: zu einer erstaunlichen Flexibilität, die uns Ostdeutsche in kurzer Zeit so geformt hat, dass wir mit Hilfe der kognitiven Ost/West-Differenz kaum noch eindeutig beobachtet werden können. Zweitens ist es trotz der Selbstdekonstruktion der kognitiven Differenz nicht möglich, den Ostdeutschen ihre Vergangenheit und Erfahrung zu entreißen, denn diese prägten sie und forderten etwas heraus, das als eine potentiell postmoderne, als eine wirklichkeits- und wahrheitskritische Haltung bezeichnet werden könnte. Die Erfahrung auf der Ost-Seite der Strukturdifferenz machte ein Denken notwendig, das die Kontingenz von Sichtweisen verstehen musste. In die eigene private Perspektive musste die offizielle Perspektive aufgenommen werden, um zwischen beiden adäquat wählen zu können.

Die Komplexität und Relativität der sozialen Wirklichkeiten wurde mit dem Zusammenbruch der DDR sprunghaft auf einer neuen Qualitätsstufe offenbar. Die Menschen wurden aus der übersichtlichen Bi- bzw. Trikontextualität, die offiziell als Einheit kaschiert wurde, herausgerissen und in eine unübersichtliche Pluralität der Wirklichkeits- und Lebensentwürfe hineinkatapultiert. So erlebten die Ostdeutschen in kürzester Zeit den qualitativen Sprung von einer einheitssüchtigen (Vor-)Moderne zur differenzgeladenen Postmoderne. Während die Westdeutschen langsam hineinsozialisiert wurden in ein immer stürmischer und kälter werdendes Meer der Gesellschaft, das viele Chancen und Risiken birgt, plumpsten die Ostdeutschen in dieses eisige Wasser und mussten, noch geschockt von ihren vergangenen Erfahrungen das Schwimmen lernen.

Nun haben viele das Schwimmen gelernt, manche paddeln noch immer unsicher umher, und leider ertranken auch einige; trotzdem ist inzwischen erkennbar geworden, worin sich die Ostdeutschen von den Westdeutschen unterscheiden: nämlich in der Erfahrung einer anderen Sozialstruktur als der westdeutschen. Die Chance, die in der Konfrontation dieser differenten Strukturen und davon geprägten Erfahrungen liegt, ist die Reflexion. Die im Westen angekommene Osterfahrung kann nämlich ein klar geputzter Spiegel sein, in dem der Westen sich besser erkennen kann, als im eigenen Taschenspiegel. Es ist doch bekannt, dass wir immer die Anderen, das Andere brauchen, um das Eigene zu sehen, wahrzunehmen, zu reflektieren. Das Andere des Ostens bietet nun, im Westen angekommen, eine Möglichkeit der Selbstvergewisserung. Westdeutsche, so meine abschließende Mutmaßung, lernen mehr über sich, wenn sie sich mit Ostdeutschen auseinandersetzen, und das trifft natürlich auch umgekehrt zu. Eine Bedingung dafür ist freilich die Anerkennung des Anderen, des Fremden und nicht seine Einebnung, seine Integration. Insofern hat unsere Fachhochschule mit ihrer Westgeschichte die Chance, diese Möglichkeit des Spiegelns im Osten ausgesprochen wirksam zu erfahren. Denn sie hat ja nicht lediglich im Westen darauf gewartet, dass der Osten kommt, sondern hat sich selbst in den Osten aufgemacht.

 

[1]Peter Fuchs (1995): Westöstlicher Divan. Zweischneidige Betrachtungen. Frankfurt/M.: Suhrkamp, S. 11.

[2]Vgl. George Spencer-Brown (1969): Laws of Form. Gesetze der Form. Lübeck: Bohmeier (1997).

[3]Die Wortkombination „Ost“ und „einschließen“ mag bei den LeserInnen möglicherweise auch andere Assoziationen hervorrufen, die hier jedoch nicht gemeint sind.

[4]Peter Fuchs, a.a.O.

[5]Eine solche Ironie kann mit den Worten von Helmut Willke (1996: Ironie des Staates. Grundlinien einer Staatstheorie polyzentrischer Gesellschaft. Frankfurt/M.: Suhrkamp, S. 86) beschrieben werden. Auf Richard Rortry verweisend und Sören Kierkegaard zitierend schreibt Willke (ebd.): „Was Ironie bedeuten soll, läßt sich beschreiben als das Ausbalancieren zweier Ungewißheiten: Für den Ironiker ist die Gegenwart ungewiß, weil die gegebene Wirklichkeit ihre Gültigkeit ‚ganz und gar verloren (hat), sie ist ihm eine unvollkommene Form geworden, die allenthalben lästig wird.’ [Kierkegaard; H.K.] Aber auch die Zukunft, das Neue, ist ungewiß; denn der Ironiker kann nur seine idiosynkratische Alternative anbieten und hoffen, daß dieses alternative Vokabular die Sprache der nächsten Generation prägt. Die Zukunft ist in ihrer vollkommenen Form noch nicht erkennbar – schlimmer noch, sie wird es nie sein. Der Ironiker zieht sich selbst aus dieser doppelten Schlinge, indem er weder sich selbst noch die Welt ganz ernst nimmt und doch ernst genug, um an einem neuen Vokabular zu arbeiten, welches die Welt für ihn angemessener beschreibt.“

[6]Musil, Robert (1930/42): Der Mann ohne Eigenschaften. Erstes und Zweites Buch. Reinbeck bei Hamburg: Rowohlt (1978), S. 16.

[7]Niklas Luhmann (1984): Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie. Frankfurt/M.: Suhrkamp.

[8]Verheerend war diese differenzierungsfeindliche Ideologie freilich vor allem auch für die Wirtschaft. Ein führender und bereits in den fünfziger Jahren sich kritisch äußernder Wirtschaftswissenschaftler der DDR, nämlich Fritz Behrens formulierte dieses Problem frühzeitig. Dafür übte das 30. Plenum des Zentralkomitees der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands scharfe Kritik an ihm und warf ihm Revisionismus vor. In seiner Stellungnahme zu dieser Kritik äußerte Fritz Behrens 1958: „Ich schlug vor, daß die Produktionsmittel nicht mehr durch den Staatsapparat, sondern durch die Wirtschaft selbst verwaltet werden sollten. Anders ausgedrückt, ich behauptete, daß es zweckmäßiger ist, die Verwaltung der Wirtschaft von der Wirtschaft selbst, d.h. unmittelbar unter dem Gesichtspunkt der Rentabilität durchführen zu lassen, statt vom Staatsapparat und über den Haushalt finanziert“ (Fritz Behrens [1958]: Die Planung und Leitung der Volkswirtschaft – eine Stellungsnahme. In: Sonderdruck aus Wirtschaftswissenschaft, Jahrgang 6/1958, Heft 1, S. 35).

[9]Siehe mit vielen ost- und westdeutschen Beispielen zu dieser Anforderung: Ulrich Beck u.a. (1997): eigenes Leben. Ausflüge in die unbekannte Gesellschaft, in der wir leben. München: Beck.

[10]Siehe Jean-François Lyotard (1979): Das postmoderne Wissen. Ein Bericht. Wien: Passagen (1994)

[11]Siehe Wolfgang Welsch (1987): Unsere postmoderne Moderne. Berlin: Akademie (1993).

[12]Ähnlich ging es wohl auch vielen Linksintellektuellen des Westens, die bereits in den 1970er und frühen 1980er Jahren die Subversion ihres bisherigen Denkens durch den – vor allem von französischen Philosophen (z.B. von Derrida, Deleuze, Foucault oder Lyotard) initiierten – postmodernen Diskurs erfuhren. Siehe dazu ausführlich: Bernd Neumeister (2000): Kampf um die kritische Vernunft. Die westdeutsche Rezeption des Strukturalismus und des postmodernen Denkens. Konstanz: UVK.