Re-Integration des Psycho-Sozialen als Voraussetzung für die Bewältigung von Komplexität

Vor einigen Wochen hatte ich das große Glück, an einem gruppendynamischen Training in der Tradition von Kurt Lewin teilzunehmen. Solche Trainingsgruppen erleben derzeit eine Art Revival, obwohl sie für die Beteiligten sehr anstrengend sind. Denn in einer gruppendynamischen Trainingsgruppe, die in der Regel aus sieben bis zwölf Personen besteht, und über eine Woche mit sechs- bis siebenstündigen täglichen Trainings verläuft, geht es um nichts anderes als um das Erleben und Reflektieren der aktuellen Selbstorganisationsprozesse der Gruppe. So kann die Gruppe, die sich aus fremden Personen zusammensetzt, als ganz besonderes psycho-soziales Feld erfahren werden: nämlich als Raum von kognitiver Erfahrung, emotionaler Befindlichkeit und sozialer, kommunikativer Handlungsdynamik sowie als Reflexion all dessen.

Aber wozu soll das gut sein?

Genau diese Frage stellt sich nicht nur theoretisch, sondern wohl in jedem gruppendynamischen Training innerhalb der Gruppe, zumeist in den Anfangssequenzen des Prozesses. Denn dieser Prozess wird nicht in klassischerweise angeleitet. Die Person in der Trainer/in-Rolle ist enthaltsam, schweigt, beobachtet und interveniert äußerst minimalinvasiv. Denn es geht darum, die Gruppe in ihrer Eigendynamik so laufen zu lassen, dass sich die Prozesse der Selbstorganisation entfalten können. Dazu gehört, dass die Beteiligten sich erfahren können, etwa mit ihren mitgebrachten Erwartungen und dass genau diese Erwartungen zunächst enttäuscht werden.

Im Laufe des weiteren Prozesses entstehen Beziehungen innerhalb der Gruppe, werden Fragen der Zugehörigkeit zur Gruppe, des Einflusses von Personen in der Gruppe und der Vertrautheit der Beteiligten zueinander sowie innerhalb der Gruppe thematisierbar und gestaltbar. Zentrale psycho-soziale Dimensionen unseres Lebens, die wir von Kindheit an erfahren und selten explizit thematisieren, die aber unser privates wie berufliches Leben nachhaltig und fundamental prägen, können beobachtet, erlebt, besprochen und gegebenenfalls umgestaltet werden.

Das Ergebnis einer solchen gruppendynamischen Arbeit ist bestenfalls die Entstehung einer „reifen Gruppe“, in der die Mitglieder ihre Zugehörigkeit, ihren Einfluss und ihr Vertrauen thematisieren können. Wenn dies gelingt, kann die Gruppe etwas entwickeln, was wir in der heutigen Arbeitswelt mit ihren komplexen Aufgaben mehr denn je erwarten: eine Kollektiv-Intelligenz, die anspruchsvolle sachliche Aufgaben angemessener lösen kann als die oder der beste Einzelne.

Das Interessante und Paradoxe, das hier sichtbar wird, besteht darin, dass Organisationen und Teams, wollen sie ihre komplexen Arbeitsaufgaben passend bewältigen, dafür sorgen müssen, dass das, was durch die organisationalen Rationalisierungen gemeinhin auszuschließen versucht wird, re-integrieren: das Psycho-Soziale.

Autor: Heiko Kleve

Heiko Kleve

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